„Staat muss ordentlich investieren“

Starke Partner:„Staat muss ordentlich investieren“

In der Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände, kurz VBU, sind zehn Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände unterschiedlichster Branchen zusammengefasst. Die VBU steht für 600 Unternehmen mit über 70000 Arbeitnehmern. Geschäftsführer Frank R. Witte hat einen guten Überblick über die Investitionen der Bergischen Wirtschaft.

Herr Witte, wie stellt sich die Investitionstätigkeit in den durch die VBU vertretenen Branchen für Sie dar?

Frank R. Witte: Da gibt es Licht und Schatten gleichermaßen. Zu den Schattenseiten gehört sicher die Entscheidung von Bayer, den Neubau für die FaktorVIII Produktion nicht in Betrieb zu nehmen. Das hat uns alle umgehauen, da es hier um etwa 500 Millionen Euro geht. Andererseits zolle ich Bayer auch Respekt für die Klarheit der Entscheidung. Diese ist bei Großprojekten der öffentlichen Hand nicht immer gegeben. Stichwort: Berliner Flughafen.

Und auf der Lichtseite?

Witte: Es gibt durchaus große Firmen, die weiterhin in den Standort Wuppertal investieren. Dazu gehört sicher der Lackhersteller Axalta. Geplant ist eine neue Produktionsanlage zur Herstellung von Kunstharz, einem wichtigen Zwischenprodukt zur Lackherstellung. Damit wird das Unternehmen den kompletten europäischen Markt von Wuppertal aus bedienen. Das ist ein deutliches Zeichen. Ähnlich sieht es zum Beispiel bei E/D/E aus, die ihre Logistik am Standort Wuppertal immer wieder massiv ausgebaut haben.

Eine Investition ist immer auch eine Antwort auf einen bestehenden Mangel an Möglichkeiten. Gegen welche Mängel investieren ihre Mitglieder?

Witte: Da schiebt sich der Fachkräftemangel sicher weiter nach oben. Hier entsteht aber auch großes Potential, wenn die Mitglieder der Branchenverbände gemeinsam agieren. Wie gut das klappen kann, sieht man in der Textilindustrie.

Welchem Trend folgen die Investitionen ihrer Mitglieder insgesamt?

Witte: Da geht es nicht nur um Zukunftsinvestitionen, sondern auch um Erhaltungsinvestitionen. Produktionsanlagen und Gebäude und müssen technisch auf der Höhe der Zeit gehalten werden, da auch dies die Effizienz eines Unternehmens enorm steigern kann. Insgesamt steht die Stimmung etwas auf der Kippe. War die Grundströmung im abgelaufenen Jahr – teilweise mit Rekordergebnissen – noch sehr gut, zeigen die neusten Umfragen eine deutliche Eintrübung bei den Erwartungen an das laufende Geschäftsjahr 2019. Da wird natürlich auch die Investitionsbereitschaft der Unternehmen kritisch hinterfragt.

Aus welchen Gründen?

Witte: Wir sind Exportregion und die Weltwirtschaft war schon in deutlich ruhigerem Fahrwasser unterwegs. Wenn Unternehmen den Brexit abwarten wollen bevor sie investieren, kann das weise sein. Dazu kommt der Handelskrieg zwischen den USA und China, beides Kernmärkte für unsere Wirtschaft, dessen Ende und Ergebnis momentan nicht absehbar ist. Schließlich muss sich eine Schlüsselbranche wie die Automobilindustrie neu positionieren. In Summe führt dies alles zu Verunsicherung. Das ist Gift für Investitionen.

Beobachten Sie ein verändertes Inventionsverhalten zwischen In- und Ausland?

Witte: Nein, das ist momentan recht konstant. Was wir im Auge halten müssen, ist die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. Davon hängen die Investitionen ab, die reinkommen. Neue Studien geben Anlass zur Besorgnis, weil die Beliebtheit Deutschlands von 2014 bis 2018 als Investitionsstandort abgenommen hat.

Was sind die Gründe dafür?

Witte: Maßgeblich falsche oder fehlende Investitionsentscheidungen der Bundesregierung. Für die momentan erwirtschafteten Überschüsse sind Mütter- und Respektrenten in aller Munde. Kritiker fragen aber: wo bleiben denn die Investitionen in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland? Beim Netzausbau für den Ökostrom fehlen noch etwa 6000 Kilometer Stromtrassen von Nord nach Süd. Im abgelaufenen Jahr wurden davon etwa 40 Kilometer fertiggestellt. Dieses Tempo ist schlicht nicht akzeptabel. Über das Kompetenzwirrwarr im Digitalisierungsdschungel haben dabei noch gar nicht gesprochen. Auch Funklöcher in Mobilfunknetzen an Autobahnen sind vor dem Hintergrund des autonomen Fahrens einfach indiskutabel. Das alles betrifft wichtige Infrastrukturfragen, bei denen wir uns sehr anstrengen müssen, um nicht abgehängt zu werden.

Wie geht es Ihren Mitgliedsunternehmen wirtschaftlich?

Witte: Gut. 2018 war ein super Jahr und wir befinden uns seit acht bis zehn Jahren im Aufschwung. Aber jeder weiß, dass dieser auch einmal zu Ende geht, das ist momentan offenkundig, die Wirtschaftsweisen haben ihre Prognosen halbiert.

Wie beurteilen Sie das Investitionsklima in Deutschland?

Witte: Voraussetzung für Investitionen sind Planungssicherheit und freie Flächen. Diesbezüglich beobachte ich, dass wir ein Problem mit der Akzeptanz von einfachen Mehrheitsentscheidungen haben. Das Hickhack um ein Gewerbegebiet in Erkrath ist da gutes Beispiel. Da lassen Bürgerinitiativen auch einem einvernehmlichen Ratsbeschluss einfach nicht locker. Politik muss sich auch durchsetzen. Dauern solche Prozesse zu lange verlieren wir die Planungssicherheit und der Investor die Lust und wandert ab. Andererseits sind wir immer noch ein 1A-Standort – noch, denn das ist kein Selbstläufer.


Zukunftsfähige Offensive

Der neue Döppersberg steht idealtypisch für das Investitions-Dilemma der Stadt Wuppertal. Die zentrale künftige Herausforderung ist die zukunftsfähige Steuerung privater Investitionen.

Der neue Döppersberg wird zurecht als ein Meilenstein im Wiedererstarken Wuppertals gefeiert. Die inakzeptable Hauptbahnhofs-Situation ist einem äußerst vorzeigbaren Bahnhofsareal gewichen. Es macht wieder Freude, in Wuppertal mit dem Zug anzukommen. Dies wurde möglich durch ein überzeugend gesteuertes öffentliches Bauvorhaben.

Auf den zweiten Blick ist die Freude getrübt: Die in Hoheit der Deutschen Bundesbahn befindliche Bahnhofsanlage selber ist immer noch in einem trübseligen Zustand. Ihre Instandsetzung wird bis mindestens zum Jahr 2025 dauern. Im architektonisch ansprechenden, durch einen irischen Investor erbauten Investorenkubus ist ein Niedrigpreis-Textilmarke als Ankermieter eingezogen. In der einem lokalen Immobilienunternehmer gehörenden ehemaligen Eisenbahnbundesdirektion klafft weiterhin gähnende Leere ohne Aussicht auf Änderung.

Alle drei Beispiele zeigen, dass Wuppertal in hohem Maße von externen Investitionsströmen abhängig ist. Da sich die Situation der Kommunalfinanzen in den kommenden Jahren nicht radikal verändern wird, wird es künftig noch wichtiger, externe Investitionen besser anzureizen und zu steuern.

Dies ist nur möglich mit einer Entwicklungsidee für ein Wuppertal, das für eine moderne Stadt des 21. Jahrhunderts steht. Ein Niedrigpreis-Textiltempel am Eingangstor, dahinter sterbende Ladenzeilen und eine durch den dominanten Autoverkehr weitgehend unattraktive erweiterte Innenstadt lösen das nicht ein.

Dabei sind die Fundamentaldaten für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung Wuppertals in mehrfacher Weise herausragend: (1) Nur rund 30 Minuten per Zug von den Innenstadtzentren der boomenden rheinischen Metropolen Köln und Düsseldorf entfernt, (2) ausgestattet mit einem der größten zusammenhängenden deutschen Gründerzeitviertel in der Elberfelder Nordstadt, (3) in fußläufiger Entfernung vom Bahnhof und über die Nordbahntrasse per Fahrrad in die Grüngürtel der Stadt angebunden und (4) einer sich dynamisch entwickelnden Kulturszene bietet Wuppertal heute im Kernbereich Elberfelds alles, was attraktives urbanes Leben im 21. Jahrhundert ausmacht.

Das schafft die Grundlage dafür, noch sehr viel stärker Investitionen nach Wuppertal zu ziehen – von Unternehmen und von privaten Investoren. Dabei geht es um Investitionen, die nicht alleine auf das Abschöpfen von Kaufkraft für günstige Textilien, sondern auf die Entwicklung einer neuen urbanen Lebensqualität in Wuppertal zielen: In der ersten Welle um Investitionen in den Gebäudebestand der Wuppertal Nordstadt, in neue Formen der Kombination von Wohnen, Unterhaltung, Kultur, Bildung und vielfältiges Zusammenleben in der erweiterten Achse zwischen Hauptbahnhof und Mirker Bahnhof sowie zwischen der Kluse als dem Standort des künftigen Pina-Bausch-Zentrums und dem Robert-Daum-Platz. In der zweiten Welle dann um Investitionen in die weiteren Wuppertaler Stadtteile, die von der Attraktivitätssteigerung des Wuppertaler Zentrums profitieren werden.

Um eine solche Investitionsoffensive auf den Weg zu bringen, braucht es vier Bausteine:

(1) Ein klares Leitbildes für ein zukunftsfähiges Wuppertal, in dessen Zentrum urbane Lebensqualität mit hervorragender öffentlicher Verkehrsanbindung in den Metropolraum Rhein-Ruhr steht.
(2) Eine konsistente Kommunikationsstrategie gegenüber privaten Investoren sowie Bund und Land, die nicht nur von der Stadt und der Wirtschaftsförderung sondern einem breiten Kreis an Wuppertaler Multiplikatoren getragen wird.
(3) Erprobungsorte, an denen das neue Wuppertal erlebbar und spürbar wird – gerade in der Wuppertaler Nordstadt.
(4) Eine Strategie, die deutlich macht, wie die wachsende Attraktivität Elberfelds auch für die anderen Stadtteile Wuppertals sowie das Bergische Städtedreieck fruchtbar wird.

Professor Uwe Schneidewind,
Wuppertal Institut


Roboter-Schleif- und Poliertechnik aus der Kohlfurth

Bei der Herstellung von einer Vielzahl an Gegenständen unseres Alltags spielt der Schleifprozess eine entscheidende Rolle. Sowohl Schneidwaren, Hand- und Gartenwerkzeuge, chirurgische und Manikür-Instrumente als auch Töpfe und Pfannen werden entgratet, geschliffen, poliert und bei Bedarf auch geschärft. Dies geschieht unter Einhaltung genauester Werkstücktoleranzen, um eine gute Qualität garantieren zu können.

Die Berger Gruppe baut mittlerweile über 250 verschiedene meist CNC-gesteuerte Schleifmaschinen, um der steigenden Komplexität der Werkstückgeometrien gerecht zu werden. Immer häufiger setzt das Unternehmen aus der Kohlfurth bei Schleif- und Polierprozessen auf Robotertechnik. Hierbei wird der Roboter entweder zum be- und entladen der Schleifmaschine oder in Verbindung mit verschiedenen Schleif- und Polierstationen als Bearbeitungsroboter in einer Fertigungszelle eingesetzt.

Je nach Größe des Werkstücks wird hierbei entweder das Werkzeug oder das Werkstück vom Roboter geführt. So befinden sich in den nahezu 700 Roboterintegrationen der Berger Gruppe Fertigungszellen zur Herstellung von Werkstücken unterschiedlichster Größe und Geometrie – von Mikroscheren für die Chirurgie über Gartenscheren, Rundmessern und Töpfen bis hin zu Gussteilen für die Automobilindustrie. Die Berger Gruppe gewann den ROBOTICS AWARD 2018 für ihre Prozesskette aus Roboterzellen, die als Poliersystem für Töpfe und Pfannen eingesetzt wird.

Thomas Meyer

Eine Investition – egal, ob privat oder unternehmerisch motiviert – bindet finanzielle Mittel in Vermögen und dient dabei einem einfachen Zweck: Der Investor erhofft sich, dass sich die Investition lohnt; das heißt, eine Rendite erzielt. Investiert ein Unternehmen in eine neue Produktionsanlage, so sollen die damit erzeugten Produkte einen Ertrag erwirtschaften, der in der Summe über der Anfangsinvestition liegt.

Dabei ist eine Investition immer ein Risiko, denn Märkte und Nachfragen verändern sich. Mit diesem unternehmerischen Risiko muss jeder Unternehmer kalkulieren. Vor seiner Investitionsentscheidung wertet er alle verfügbaren Informationen aus und baut darauf seine Entscheidung auf. Aber auch das „Bauchgefühl“ spielt eine wichtige Rolle und unterscheidet oft einen erfolgreichen von einem weniger erfolgreichen Unternehmer. Wichtig für eine Investitionsentscheidung sind aber natürlich auch verlässliche, stabile und gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Die Politik hat für die notwendige öffentliche Infrastruktur zu sorgen. Sie ist dafür verantwortlich, dass bebaubare Flächen verfügbar und – auch in verkehrlicher Hinsicht – erschlossen sind, bürokratische Lasten auf das Nötigste begrenzt sowie Steuern und Abgaben maßvoll erhoben werden. Je weniger sich der Investor in den Staat und die von ihm gesetzten Rahmenbedingungen verlassen kann, umso eher wird er auf seine Investition verzichten; mit verheerenden Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung und die Arbeitsplätze.