„Meisterqualifikationen verlangen teilweise hohe Investitionen“

Starke Partner:„Meisterqualifikationen verlangen teilweise hohe Investitionen“

Prof. Dr. Sylvia Rahn von der Bergischen Universität erklärt, welche Herausforderungen auf das duale Ausbildungssystem zukommen.

Frau Prof. Dr. Rahn, einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist Unterrichtsqualität in berufsbildenden Schulen. Wie steht es um den Bildungsstandort Bergisches Land?

Prof. Dr. Sylvia Rahn: Die Frage ist zunächst einmal: Woran macht man Unterrichtsqualität fest? Interessanterweise gibt es aus Schülersicht keinen Grund zur Schulkritik. Sie sind im Durchschnitt zufrieden. Das bestätigt sich auch bei den beruflichen Gymnasien, die wir besonders untersucht haben. Natürlich ist nicht alles ideal – und es gibt Entwicklungspotenzial. Wie können wir die Inhalte besser auf die einzelnen Schüler beziehen? Da müssen wir nach guten und praktikablen Lösungen suchen. Es nutzt nichts, wenn wir uns wunderbare Modelle überlegen, die mit dem Alltag eines Lehrers nicht zusammenzubringen sind.

Wie kann das gelingen – und in welchen Bereichen ist es besonders dringend?

Rahn: Es gibt Fragen, die alle beschäftigen, zum Beispiel die Entwicklungen der „Industrie 4.0“. Da gibt es in den Schulen bald tolle technische Angebote, aber noch kaum Konzepte, wie das im Unterricht genutzt werden kann. Da bewegen wir uns auf wackeligem Terrain, weil niemand weiß, was genau auf uns zukommt. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Region eine Vorreiterrolle einnimmt. Aber wir hinken auch nicht besonders hinterher.

Gibt es an den Berufsschulen genug Praktiker?

Rahn: In bestimmten Segmenten haben wir seit längerem einen Lehrkräftebedarf, den wir nicht decken können. Es gibt ein großes Programm, mit dem wir ausgebildete Ingenieure an die Berufsschulen bringen. Und das halte ich auch für richtig. Aber: Wie gut können die Lehrer den Kontakt halten zu den Berufen, für die sie Fachklassen unterrichten? Wenn man bildungspolitisch Betriebspraktika für Lehrer unterstützen will, dann müssen wir die Schulen mit anderen personellen Ressourcen ausstatten, als das derzeit möglich ist. Das wäre aber eine Investition, die sich meines Erachtens lohnt.

Und so kriegen wir die Fachkräfte, die uns heute fehlen?

Rahn: Was mich umtreibt, das sind die quantitativen Verhältnisse, die wir vor Ort haben. Das Bergische Land ist eine Region mit Passungsproblemen. Dieser Trend verstärkt sich, besonders in Solingen und Wuppertal. Die Versorgungs-Problematik der Bewerber schlägt viel stärker durch als die Suche der Betriebe nach Auszubildenden. Wir tun in der Region so, als wären wir bereits ein Bewerber-Ausbildungsmarkt. Das sind wir aber noch nicht. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die Jugendlichen, die in Ausbildung wollen, auch dahin bekommen.

Das heißt, es gibt gar keinen Fachkräftemangel?

Rahn: Die Zahlen geben das für den regionalen Ausbildungsmarkt insgesamt noch nicht her. Es ist aber eine gute Nachricht für mich, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Denn es wird für die Firmen schlimmer. Ich bin also erfreut zu hören, dass das Bewusstsein bei Kammern und Unternehmen da ist. Das darf ruhig noch stärker werden. Wir haben lange primär auf die Jugendlichen geschaut und uns überlegt, ob sie so gut orientiert sind, wie sie sein sollten. Das ist auch richtig so. Aber es ist mindestens so richtig, dass man auf die Betriebe guckt und schaut, ob ausreichend ausgebildet wird. Je mehr Betriebe auf die Idee kommen, überhaupt auszubilden – oder mehr auszubilden, als akut gebraucht wird – desto besser.

In welchem Bereich sind die Probleme am größten?

Rahn: Besetzungsprobleme haben wir im Lebensmittelhandwerk, im Bereich Gastronomie, aber auch bei Klempnern oder im Betonbau. Selbst im Bereich Koch/Köchin, für den sich mehr Jugendliche interessieren, seit im Fernsehen so viel gekocht wird, gibt es noch Schwierigkeiten. Das hat unter anderem mit den Arbeitszeiten zu tun. Bei dem einen oder anderen Beruf muss man sich aber auch Gedanken machen, ob die Vergütung angemessen ist. Unternehmen werden sich umso mehr ins Zeug legen müssen, je weniger bekannt oder angesehen der Beruf ist. Die Suche nach sozialer Anerkennung und das Image des Berufs sind starke Triebfedern bei der Berufswahl Jugendlicher.

In Remscheid ist die Werkzeug-Industrie sehr präsent, sind Facharbeiter gefragt. Wie würden Sie deren Lage einschätzen?

Rahn: Da wird die Frage sein, wie die Entwicklungen rund um „Industrie 4.0“ ausfallen. Die Berufe Werkzeug- und Zerspanungsmechaniker/in sind deshalb beispielsweise im vergangenen Jahr neu geordnet worden. Wenn man auf die Prognosen guckt, die die Digitalisierungsfolgen nicht berücksichtigen, ist die Nachfrage im mittleren Segment, also bei den Facharbeitern, absehbar am größten. Es gibt aber auch Studien rund um die Digitalisierung, die davor warnen, dass im Bereich der Fachkräfte sehr viel Nachfrage wegfallen wird. Neue Modellrechnungen haben jetzt ergeben, dass es infolge der Digitalisierung im Maschinenbau etwas mehr Erwerbstätige geben wird, während in den metallverarbeitenden Berufen ein leichter Rückgang zu erwarten ist.

Qualifizierung bleibt also wichtig?

Rahn: Ich kenne keine Prognose, die sagt, dass der Bedarf an unqualifizierten Arbeitern steigen wird. Zum Glück ebbt die Debatte ab, in der die grundsätzliche Art, wie wir Jugendliche qualifizieren, infrage gestellt wird. Einige Experten wollten sogar weg vom Berufsprinzip. Das halte ich für falsch. Wichtig ist, dass wir die Berufsbilder rechtzeitig anpassen.

Ist die „Akademikerschwemme“ aus Sicht der Wissenschaft noch Thema? Studieren also zu viele junge Menschen, statt eine Ausbildung zu machen?

Rahn: Das ist in jedem Fall noch Thema, und ich teile die Sorge, was dieser Trend für die Attraktivität der dualen Ausbildung bedeutet. Fakt ist aber: Auch die berufsbildenden Schulen sind bei der Vergabe weiterführender Schulabschlüsse sehr erfolgreich. Im Land werden 10 bis 12 Prozent der Allgemeinen Hochschulreifen und etwa 34 Prozent der Hochschulzugangsberechtigungen insgesamt an berufsbildenden Schulen erworben. Die Nachfrage nach akademischer Bildung steigt, die Berufsbildung generell steht unter Druck. Das Berufsbildungssystem ist ein wichtiger Faktor für unseren wirtschaftlichen Wohlstand. Man muss allerdings beim Blick auf Gehälter und Arbeitslosigkeitsrisiken auch feststellen: Es gibt derzeit keinen Grund, jungen Menschen zu sagen, dass sich akademische Bildung nicht lohnt. Mir wird die Debatte zuweilen etwas zu undifferenziert geführt.

Wie kann das duale System attraktiver werden?

Rahn: Durch die Verdeutlichung des Praxisbezugs und durch die Eröffnung von attraktiven Karrierewegen im Anschluss an die Ausbildung. Wir müssen uns die Lebenswege der jungen Menschen angucken. Was nutzt es, das duale System zu preisen, was ich durchaus mit Überzeugung tue, wenn für bestimmte Karrieren und Positionen am Akademischen nichts vorbeiführt. Wie kann berufliche Bildung gestaltet werden, die gute Karrieremöglichkeiten bietet? Darauf müssen wir gute Antworten finden. Dazu gehört auch, wie die Qualifizierungswege finanziert sind. Meisterqualifikationen verlangen teilweise hohe Investitionen, im Vergleich zu einem beitragsfreien Studium. Es ist richtig und wichtig über die höhere Berufsbildung nachzudenken.

Viele sagen, es sei schwer, qualifizierte Menschen für das Bergische Land zu begeistern. Sie hatten ja auch andere Angebote. Was hat Sie bewegt, hierherzukommen? Und wie lassen sich Fachkräfte für die Region begeistern?

Rahn: Es gibt tatsächlich Standorte, die per se Vorteile haben, dazu gehört das Bergische sicher nicht, verglichen mit Münster oder Freiburg zum Beispiel. Ich bin damals nach Wuppertal gekommen, weil das Institut für Bildungsforschung der Universität Wuppertal eine gute Reputation hat. Und ich bin trotz eines attraktiven Alternativangebots sehr gerne geblieben.

Natürlich muss sich die Region Gedanken machen, was sie tun kann, damit Menschen hier gut leben können. Ich glaube aber, dass es ebenso wichtig für die Fachkräftesicherung ist, wie Unternehmen mit ihren Mitarbeitern umgehen.


„Raus aus Komfortzone“

Konjunkturschwäche

Industriepräsident Dieter Kempf hat die Bundesregierung angesichts der stockenden Konjunktur nachdrücklich zu höheren Investitionen aufgerufen und die Schuldenbremse infrage gestellt. „Nach zehn Jahren Aufschwung stehen der deutschen Wirtschaft unruhigere Zeiten bevor. Die Bundesregierung muss endlich raus der Komfortzone“, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Wirtschaftsabschwung bekämpfen

„Hier ein paar kleine Forschungsprogramme, dort etwas Geld für die Förderung der künstlichen Intelligenz – das reicht einfach nicht. Wir sehen zu wenig Investitionen, zu viel Umverteilung, zu wenig Ideen für kluge Steuer- und Energiekosten-Senkungen“, kritisierte er. Kempf wandte sich gegen generelle Lockerungen der Stabilitätsregeln. Die deutsche Schuldenbremse sei aber wesentlich strenger, als die EU-Regeln es vorgäben. „Wir sollten darüber diskutieren, ob größere Spielräume für Investitionen sinnvoll sind. Wir müssen die Risiken eines Wirtschaftsabschwungs bekämpfen, bevor er da ist.“ Der CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt forderte staatliche Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe. „Das Wirtschaftswachstum verliert gerade an Dynamik. Es kann gut sein, dass wir uns in Kürze über ein Konjunkturpaket unterhalten müssen“, sagte er. Nötig seien eine Entlastung der Arbeitnehmer sowie Investitionen in Innovation und Infrastruktur. Für Investitionen müssten die Prioritäten im Haushalt richtig gesetzt werden. „Wenn wir 40 Milliarden Euro in den Kohleausstieg in vier Bundesländern investieren, sollten wir in ähnlicher Größenordnung in den anderen Regionen und Branchen investieren, um keine Unwuchten zu schaffen.“ Der deutsche Konjunkturmotor ist zuletzt deutlich ins Stocken geraten. Die Bundesregierung will ihre Wachstumsprognose erneut senken. Laut Medienberichten erwartet sie nur noch ein Plus des Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent in diesem Jahr, im Januar hatte sie noch ein Wachstum von 1,0 Prozent erwartet.

Christoph Nieder

Zur Gesellschaft einer Stadt gehören vielerlei Menschen. Manche haben wunderbare Eckdaten in ihrer Biografie¬ – andere müssen sich unter ungünstigeren Gegebenheiten behaupten. Wir bei proviel arbeiten seit 25 Jahren für und mit Wuppertalern, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung auf dem Ersten Arbeitsmarkt nicht zurechtkommen. Dabei erleben wir immer wieder, wie mutlose Menschen bei uns aufblühen. Durch die Unterstützung unserer Fachkräfte und die laufende Qualifizierung entwickeln sie neues Selbstbewusstsein. Gesellschaftliche Teilhabe durch Arbeit ist ein wichtiges Element. Gleichzeitig erledigen die provieler zuverlässig Aufgaben für regionale Unternehmen. Diese profitieren von unserer flexiblen und hochwertigen Arbeit. Unsere Kooperationspartner für Außenarbeitsplätze bestätigen die gute Auswirkung auf das Betriebsklima durch die Vielfalt bei proviel.