Die Textilbranche hilft sich selbst

Starke Partner:Die Textilbranche hilft sich selbst

Die private Textilakademie NRW ist eine Vorzeigeinvestition in junge Fachkräfte. Ihre Gründung kommt aber auch einer Privatisierung des Berufsschulangebots gleich. Hat der Staat versagt?

Stil- und inhaltsgerecht in eine textile Fassade gekleidet, erinnert die im Dezember vergangenen Jahres feierlich eröffnete Textilakademie NRW in Mönchengladbach ein wenig an ein neues Projekt des Verhüllungskünstlers Christo. Das moderne Gebäude glänzt aber auch mit inneren Werten. Neben den Lehrräumen verfügt die Akademie aufgrund einer Kooperation mit der benachbarten Hochschule Niederrhein über moderne Laboreinrichtungen und einen umfangreichen Maschinenpark für zeitgemäße Ausbildungszwecke. Diese kommen nicht nur für die Weiterbildungsangebote zum Einsatz, sondern auch für die Berufsschüler, die hier im Blockunterricht unter besten Bedingungen ihr Handwerk lernen.

Berufsschulen in nichtstaatlicher Trägerschaft – das ist nicht neu, darf aber stets kritisch betrachtet werden, da es sich originär um eine staatliche Aufgabe handelt. „Die Gründung ist ein Meilenstein auf dem Weg, dem Fachkräftemangel in der Textilindustrie zu begegnen“, ist sich Frank R. Witte, Geschäftsführer der Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände e.V., kurz VBU, mit Sitz in Wuppertal, sicher. Unter dem Dach der VBU sind heute zehn Arbeitgeberverbände ganz unterschiedlichen Branchen organisiert. „Leider muss man auch konstatieren, dass dieses Engagement der Wirtschaft quasi einer Privatisierung des Berufsschulunterrichts gleichkommt.“ Zwei Mitgliedsverbände der Textilindustrie aus Wuppertal und Münster haben 20 Millionen Euro in die Textilakademie NRW investiert. Das Einzugsgebiet erstreckt sich regionsübergreifend über ganz Nordwestdeutschland. Auszubildende der Textilbranche aus Wuppertal können hier zur Berufsschule gehen. Nur Maschinen- und Anlagenführer/Textil können nach wie vor das Berufskolleg am Werth besuchen.


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Das staatliche Berufsschulsystem¬ folgt dem Strukturwandel

Die Ausgangslage bei Gründung der Akademie war die logische Folge einer unbefriedigenden Situation. Eine Berufsschulklasse muss nämlich mindestens 16 Schüler haben. Wird diese Zahl unterschritten, fasst das Schulsystem die Schüler solange in bezirksübergreifenden Fachklassen zusammen, bis die Mindestzahl von 16 Schülern erreicht ist. Da kann es in Branchen mit geringerem Ausbildungsbedarf auch schon einmal zu bundesweiten Fachklassen kommen. Wer die Entwicklung der deutschen Textilindustrie auch nur aus dem Augenwinkel verfolgt hat, weiß: Heute gehört sie auf jeden Fall zu diesen Branchen. Was geblieben ist, ist klein aber fein. Die Fachklassen mit weiten Anreisewegen sind nur ein kleines Problem, auch die Textilakademie NRW hat ein großes Einzugsgebiet. Die vernünftige Antwort darauf ist Blockunterricht mit Unterbringungsmöglichkeiten und Betreuung. Die Akademie arbeitet dafür mit Einrichtungen der Diakonie zusammen. Der Knackpunkt ist die stetig sinkende Qualität der Ausbildung: Steht die Leitung eines Berufskollegs vor der Aufgabe, neue Lehrkräfte einzustellen, wird sie dies zuerst für nachgefragte Berufsbilder tun. So kommt es, dass Produktionsmechaniker/Textil von Metallfachkräften und Textillaboranten von Chemielehrern fachfremden Unterricht erhalten.

Eine Situation, die auch der Geschäftsführer der Berufsschule, der Textilakademie NRW-Berufskolleg, Detlef Braun, gut nachvollziehen kann. „Das ist systematisch logisch. Ich würde ähnlich handeln. Wir als Textilbranche müssen jedoch auf die Qualität unserer Ausbildungen achten. Da war schlicht ein Punkt erreicht, an dem wir handeln mussten“, erinnert er sich an die Gründungszeiten des textilen Fachberufskollegs.

Hohe Ausbildungsqualität gegen Fachkräftemangel

Die Textilakademie sieht sich als Ergänzung zu staatlichen Bildungsangeboten, ist diesen jedoch in nahezu allen Bereichen überlegen. Die digitale Ausstattung in Mönchengladbach müsste sich auch im Silicon Valley nicht verstecken. Gigabit-W-Lan und standardisierte Endgeräte für alle Schüler sind hier selbstverständlich. Das Herz der Bildungsangebote ist jedoch der moderne Maschinenpark, der den Besuchern der Akademie zur Verfügung steht. Hier zeigt sich die Kraft der Kooperation, in diesem Fall mit der Hochschule Niederrhein vor Ort. „Hätten wir alle Maschinen selber angeschafft, hätten wir 80 bis 90 Millionen Euro mehr investieren müssen“, ist sich Leiter Detlef Braun sicher. Die Antwort der deutschen Textilindustrie auf die Abwanderung in Billiglohnländer war eine konsequente Hightech-Strategie der Produktion in Deutschland. Durch die Zusammenarbeit mit der Hochschule ist gewährleistet, dass die Absolventen voll auf der Höhe der Technik sind und auch vernetzte und intelligente Produktionsanlagen effizient bedienen können.

Neben der Funktion als Berufskolleg deckt die Textilakademie NRW in Mönchengladbach auch alle Aus- und Weiterbildungsbedürfnisse der Branche ab, die Bandbreite reicht von überbetrieblichen Weiterbildungen über Meisterlehrgänge bis hin zum dualen Studium. Damit ist sie eine passende Antwort auf den Fachkräftemangel mit Modellcharakter. Zeigt sie doch, wie das staatliche Ausbildungssystem durch Engagement der Wirtschaft sinnvolle Ergänzung finden kann.