Speed-Bewerberdating der Kreishandwerkerschaft in Wuppertal

Handwerk in Wuppertal:Speed-Bewerberdating der Kreishandwerkerschaft in Wuppertal

Über mangelnde Aufträge können sich Wuppertals Handwerksbetriebe nicht beklagen. Wohl aber über zu wenig Nachwuchs. Kreishandwerksmeister Arnd Krüger und seine Kollegen werben daher mit Nachdruck um junge Leute.

Die Auftragslage des Wuppertaler Handwerks ist anhaltend gut. Dennoch gibt es laut Kreishandwerksmeister Arnd Krüger keinen Grund für seine Branche, sich gemütlich zurückzulehnen. Denn zwei Dinge brennen den Handwerkern auf den Nägeln: Die Sorge um den Nachwuchs und die Nachfolgefrage bei jenen Betrieben, deren Inhaber demnächst in den Ruhestand wechseln. Denn das sind nicht wenige. 

Auch wenn der Zuspruch durch junge Leute bei den jüngsten Speed-Bewerberdatings der Kreishandwerkerschaft in Wuppertal und Solingen sehr groß war, macht sich Krüger keine Illusionen: „Wir brauchen dringend junge Leute“, sagt er. Positiv wertet Krüger den auffallend hohen Anteil von Migranten, die diese, von der Kreishandwerkerschaft organisierten Kontaktbörsen zwischen Betrieben und jungen Menschen besucht haben. „Aber da gibt es doch oft noch hohe Sprachbarrieren. Vielleicht wird sich das in ein bis zwei Jahren gebessert haben. Die Beherrschung der deutschen Sprache ist jedoch unverzichtbar, wenn die Eingliederung der Flüchtlinge in die hiesigen Arbeitsprozesse gelingen soll.“ Denn auch die Berufsschule könnten die jungen Migranten ohne hinreichende Sprachkenntnisse nicht bewältigen. Krüger hat allerdings gewisse Zweifel, ob die sprachliche Förderung der jungen Flüchtlinge mit der nötigen Nachdrücklichkeit betrieben wird. „Da muss mehr Zug rein“, findet er. Denn auch mögliche kulturell bedingt unterschiedliche Vorstellungen etwa bei jungen Afrikanern, könne man nur über die Sprache versuchen abzubauen. 

Krüger selbst hat in seinem Glaser-Betrieb einen jungen Ghanaer beschäftigt, der nach mehreren Praktika jetzt eine Ausbildung beginnt. „Da ist inzwischen eine gute Vertrauensbasis zwischen ihm und dem Team entstanden.“


Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal

Projekt Schulbank trifft Werkbank

Weiterhin stark engagiert ist die Kreishandwerkerschaft bei der Kooperation mit den örtlichen Schulen. So läuft schon seit geraumer Zeit sehr erfolgreich das Projekt „Schulbank trifft Werkbank“, das die Kreishandwerkerschaft derzeit gemeinsam mit der Gesamtschule Uellendahl- Katernberg durchführt. Dabei gehen die Handwerksmeister in die Schule und veranstalten kleine Workshops mit den Klassen. Die Schüler, die zuvor von den Lehrern auf diese Workshops inhaltlich vorbereitet wurden, haben Gelegenheit, den Handwerkern Fragen zu stellen und erste kleine Handgriffe in dem jeweiligen Gewerk zu machen. Weitere Schulen haben Interesse an dem Projekt signalisiert.

Ein wichtiger Bestandteil von „Schulbank trifft Werkbank“ ist ein Fragenkatalog für die Schüler zu den jeweiligen Gewerken. „Manchmal ist es schon erschreckend zu sehen, wie wenig einige 15- und 16-Jährige über die einzelnen Handwerksberufe wissen“, sagt Krüger. „Bis auf den Kfz-Bereich ist vielen das meiste unbekannt.“ An einer Kooperationsschule, so berichtet Krüger, hätten gerade zeitgleich Bauarbeiten stattgefunden. „Da waren alle Gewerke vertreten. Und die Schüler gingen jeden Tag an diesen Handwerkern vorbei. Aber sie hatten keine Vorstellung von unseren verschiedenen Berufsbildern.“ Ohnehin machten Krüger und seine Kollegen von der Kreishandwerkerschaft immer häufiger die Erfahrung, dass Schulabsolventen keinen Plan hätten, welche berufliche Richtung sie einschlagen sollten. „Das wird so nicht gutgehen“, sagt Krüger. „Wir laufen Gefahr, dass viele Strukturen zerschlagen werden und ganze Berufsgruppen verschwinden.“

Den richtigen Zeitpunkt zur Betriebsübergabe nicht verpassen

Eine Tendenz, die durch die Überalterung in den Betrieben noch verstärkt werde. „In zehn Jahren werden 30 Prozent der Handwerksbetriebe ihre Chefs und Mitarbeiter verlieren, denn 15 Prozent der Inhaber eine Betriebes sind 55 oder älter und weitere 15 Prozent sogar schon über 65 Jahre alt. Viele von denen haben den Zeitpunkt zur Übergabe schon verpasst. Andere müssen dringend schauen, wie es mit ihrem Betrieb weitergeht. Insgesamt 1500 Handwerksbetriebe sind in unserem Einzugsberiech wegen fehlender Betriebsnachfolger akut existenzgefährdet.“ Und das Problem werde noch zunehmen, so Krüger. In diesem Zusammenhang erscheine der sogenannte Handwerkerstau in einem neuen Licht. „Die Belegschaften sind zum Teil einfach überaltert, es gibt es hohe Krankenstände. Die Aufträge können daher auch aus diesem Grund zum Teil nicht zügig abgearbeitet werden.“


„Das Handwerk ist unverzichtbar, um dem ökologischen Umbau hinzubekommen.“

Arnd Krüger, Kreishandwerksmeister


Nach Krügers Meinung sinkt in der Gesellschaft die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Er appelliert an junge Leute, nicht nur in die „großen Konzerne und Behörden zugehen“, sondern ins Handwerk. „Bei uns sind junge Leute in der Ausbildung bestens aufgehoben. Unsere Betriebe sind vor Ort, man muss nicht jeden Tag stundenlang zum Arbeitsplatz pendeln. Im Handwerk kann man sein Auskommen finden, die Perspektiven und die Entlohnung sind gut. Und hier findet man Bestätigung. Wer sich im Handwerk verwirklichen will, der ist herzlich willkommen.“ Das Handwerk sei zudem nicht nur breit gefächert, sondern biete heutzutage auch sehr ambitionierte, hochwertige Berufe: „In Sachen Klimawandel ist das Handwerk unverzichtbar, um dem ökologischen Umbau hinzubekommen. Das Ingenieurswissen wird in handwerkliche Leistung gegossen, damit es umgesetzt werden kann. Oder im Lebensmittelbereich: Wo sollen die Lebensmittel denn herkommen, wenn nicht vom örtlichen Metzger oder Bäcker? Das können wir doch nicht alles den Fabriken und der Robotik überlassen. Gerade heutzutage wollen doch alle wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Nicht zuletzt sind Waren und Lebensmittel, die vor Ort vom Handwerker hergestellt werden, gut für die Öko-Bilanz.

Es gibt so viele positive Gründe, die für das Handwerk sprechen. Im Handwerk kann man sich stets fortbilden, Verantwortung übernehmen und man kann gesellschaftlich etwas bewegen.“