Stadt der Bleicher, Litzen und Bänder

130 Jahre in Wuppertal:Stadt der Bleicher, Litzen und Bänder

Die Textilproduktion dominierte lange Zeit die Wirtschaft im Tal und machte Unternehmer reich. Heute haben nur Firmen überlebt, die spezialisierte Nischenprodukte herstellen.

Von Tanja Heil

Zur Gründungszeit des Generalanzeigers 1887 war das heutige Wuppertal eines der größten Wirtschaftszentren Europas. Barmer Artikel, Litzen und Bänder wurden in ganz Mitteleuropa geschätzt. Die Kraft der von den Höhen herunterfließenden Bäche trieb Schmiedehämmer und Mühlen an. Kohle wurde per Pferdefuhrwerk und später mit der Eisenbahn aus dem nahen Ruhrgebiet herbeigeschafft. Und die Menschen aus dem Tal waren schon damals neugierig: Sie experimentierten mit Farben und Chemikalien, erfanden neue Maschinen, suchten nach neuen Absatzmärkten.

Wie innovationsfreudig die Barmer und Elberfelder schon immer waren, zeigt auch die Schwebebahn: Es gehörte eine gehörige Portion Mut und Technikfreude dazu, diese seltsame Hängebahn zu bauen und zum Hauptverkehrsmittel der bald geeinten Stadt Wuppertal zu machen. Mit der Frühindustrialisierung wuchs auch die Bevölkerung durch die Zuwanderung von Arbeitern: Von 1830 bis 1885 vervierfachte sich die Einwohnerschaft Barmens und Elberfelds. Dadurch entstanden allerdings auch Elendsviertel, die sozialen Probleme wuchsen.

Vom dampfbetriebenen Webstuhl zum elektrischen Staubsauger

Carl Vorwerk gelang es ab 1883 nach vielen Versuchen, Bandwebstühle von Dampfmaschinen antreiben zu lassen. So schaffte er es bald, vier Meter breite Teppiche in hoher Qualität zu produzieren und ließ damit die Konkurrenz hinter sich. Davon ausgehend widmete sich das Unternehmen immer mehr der Entwicklung von Webstühlen und später auch von Zahnrädern, Getrieben und Motoren für Grammophone.

Da Grammophone nach dem Aufkommen des Hörfunks in den 1920er Jahren weniger Absatz fanden, funktionierten die findigen Vorwerk-Ingenieure den Elektromotor um und bauten einen elektrischen Handstaubsauger, den Kobold. Er wurde 1930 patentiert. Anfangs lief der Verkauf schleppend, doch der Einsatz des Direktvertriebs – übernommen aus den USA – führte zum Erfolg, der bis heute anhält.

Auch die Erfindung der Kunstseide wurde im Tal gerne aufgenommen. Die J.P. Bemberg AG an der Öhde in Langerfeld etwa erfand ein Streckspinnverfahren für Kupfer-Kunstseide. In den 1930er Jahren folgte die Herstellung von „Zellglas“, heute bekannter als Zellophan – lange Zeit die einzige Verpackungsfolie.

So war es. . .

Durch diesen Erfolg expandierte Bemberg stark und gründete Niederlassungen in Italien, Frankreich, Japan und den USA. 1925 übernahm die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG die Aktienmehrheit. Neben Zellophan waren künstliches Rosshaar und während des Zweiten Weltkriegs Fallschirmseide beliebte Produkte.

In den Nachkriegsjahren florierte auch das für Strümpfe beliebte Perlon. 1971 fusionierte Bemberg mit der Glanzstoff AG zu Enka Glanzstoff, ab 1999 Acordis, das 2005 von der International Chemical Investors Group übernommen wurde. Danach wurde die Produktion großteils nach China verlagert. In Wuppertal befindet sich noch der Vertrieb.

Die Textilproduktion wurde ab den 60er Jahren ins Ausland verlegt

Die Entwicklung der Chemiefaser erweiterte um 1900 die Möglichkeiten. Die Wuppertaler Unternehmer wussten diese Chance zu nutzen und brachten viele beliebte Produkte heraus. Stolze, schön gestaltete Fabriken mit den großen Fenstern der Textilunternehmen zeugen noch heute von Wohlstand und Selbstbewusstsein der Fabrikanten. Beispiele sind die Flechterei Emil Flues, die Zanella-Futterstoff-Fabrik, die Zwirnerei Wilh. Hebebrand, das Kolkmannhaus oder die Schnürriemenfabrik Huppertsberg.

Doch die Weltwirtschaftskrise und die Inflation sorgten für einen Einbruch, der viele Firmen in den Ruin trieb. Durch den Krieg gingen auch die Absatzmärkte im Ausland verloren. Die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten zwang manch erfolgreichen Geschäftsmann zur Flucht. Später wurde in vielen Unternehmen die Produktion ins Ausland verlagert. Heute sind hochspezialisierte Stoffe, etwa für Auto-Gurte oder als Brandschutz, ein Wuppertaler Exportschlager.

EISENGARN

ERFINDUNG Ein ganz besonderes Produkt erfand ein Barmer Fabrikant im 19. Jahrhundert: das Eisengarn. Dabei wird ein Baumwollfaden in gelöster Stärke, Paraffin und Wachs getränkt und anschließend mit Walzen und Bürsten geglättet. Das so behandelte Garn ist besonders reißfest und glänzt. Es wurde gerne als Schnürriemen, aber auch als Nähgarn und in der Kabelindustrie benutzt. Bekannt wurde das Eisengarn durch das Bauhaus Dessau, wo besonders Stahlrohrstühle damit bespannt wurden.