Per Pferdebahn durchs Tal

130 Jahre in Wuppertal:Per Pferdebahn durchs Tal

Der 104-jährige Herbert Köhrmann erinnert sich noch an das Thalia, die Postkutsche und die Besuche von Goebbels in Barmen.

Von Tanja Heil

Herbert Köhrmann hat noch die Weimarer Republik und die komplette Nazi-Zeit erlebt. Der 104-jährige erinnert sich gut an die Militär-Begeisterung in den 20er Jahren in Wuppertal: „Man war nur ein Mensch, wenn man Offizier werden konnte.“

Die Menschen waren stolz auf ihren König und sahen England als große Konkurrenz. Und: „Man tat so vornehm wie möglich.“ Der kleine Finger wurde beim Kaffeetrinken abgespreizt, ein adrettes Dienstmädchen war im gehobenen Haushalt selbstverständlich, und der Plural wurde mit dem französischen „s“ gebildet. So trafen sich beispielsweise die Damens zum Kaffeekränzchen im grünen Salon - „wochentags waren dort die Möbel abgedeckt“.

Der Abstand zur arbeitenden Klasse war groß: „Ich durfte nicht mit den Kindern vom Proletariat spielen – die stanken und sprachen Wuppertaler Platt mit Kraftausdrücken“, erzählt Köhrmann. Heimlich tat er es aber trotzdem.

WZ-Leser erzählen: die 20er Jahre

Sein Opa Otto Köhrmann hatte damals ein elegantes Geschäft für Schirme und Herrenausstattung am Neumarkt. Trotzdem war Sparsamkeit durchaus auch in diesen gehobenen Kreisen üblich: „Meine Tante Adele machte alles zu Fuß – sie lief vom Kipdorf bis zur Tesche.“

Gerne ging Köhrmann ins neue Kino und ins Thalia Theater

Erlaubt waren Besuche im damals noch ganz neuen Kino. „Wir gingen so gerne in das Kino am Hofkamp, Ecke Neumarkt – meine Mutter schwärmte für Henny Porten.“ Die Schauspielerin war ein Star des deutschen Stummfilms. Auch das Thalia hat Köhrmann in guter Erinnerung: „Da waren wunderschöne Damen und gute Kabarettisten – da herrschte ein freisinniger Geist im Haus.“ Seinen ersten Fernseher erlebte Köhrmann in Berlin: „Der wurde da als Touristen-Attraktion gezeigt.“ Das muss um 1938 gewesen sein, „als das Sudetenland deutsch wurde“.

Köhrmann besuchte erst die Knabenschule am Schusterplatz und dann das staatliche Reform-Realgymnasium an der heutigen Bayreuther Straße. Die Schüler saßen noch in Bänken und schrieben in Sütterlin auf Schiefertafeln. „Da hatten wir würdige Magister – wenn die hereinkamen, nahmen wir Positur an, da waren wir hellwach“, berichtet Köhrmann. Französisch sei damals seine erste Fremdsprache gewesen, danach kam Latein und nur am Schluss Englisch – obwohl ihm das nach dem Krieg unter der Besatzung der Amerikaner am meisten geholfen habe.

Alle Gymnasiasten mussten damals auf der Straße Mützen tragen – jeder Jahrgang in einer anderen Farbe. So konnten Lehrer und Passanten sie auf einen Blick zuordnen Einmal jedoch war Köhrmann ohne seine Mütze unterwegs und steckte auch noch seine Pfeife in die Jacke, als der Herr Direktor auf der offenen Plattform der Pferdebahn vorbeifuhr. „Das gab drei Stunden geschärften Arrest“, erinnert sich Köhrmann – also eingesperrt im Dunkeln. 13 Jahre sei er damals gewesen und habe bereits wie alle seine Klassenkameraden regelmäßig Pfeife geraucht. „Das war natürlich streng verboten, genauso wie küssen.“

Zur Beerdigung fuhr Köhrmann mit Frack und Zylinder in der Kutsche

Die Post kam damals noch in großen Pferdewagen an, der Gemüsehändler war mit einem Pferdekarren unterwegs. „Automobile hatten nur ganz vornehme Leute.“ Als Köhrmann als junger Erwachsener zu einer Beerdigung nach Hilden musste – natürlich im Frack mit Zylinder und Manschettenknöpfen – fuhr er von Vohwinkel aus mit der Straßenbahn über Haan nach Hilden und stieg dann in die Kutsche um. Auffällig fand er den Gemeinschaftsfriedhof in Hilden; in Wuppertal wurde nach Religionen getrennt.

ZUR PERSON

VITA Herberg Köhrmann arbeitete beim Werkzeughersteller Kränzler und bei den Arado-Flugzeugwerken. Nach dem Krieg war er als Einkäufer bei Bemberg sowie bei Schade und Sohn.

Wuppertal im Dritten Reich

Im „Anilin-Viertel“ durften sich die Nazis nicht blicken lassen.

Von Tanja Heil

Das Erstarken der Nationalsozialisten sah Köhrmann schon damals mit Sorge: „Das waren alles Rabauken. Das Männlichkeits-Gehabe war nichts für mich. Die meisten Menschen haben das selbstständige Denken verlernt.“ Köhrmann verkehrte mit Sozialisten ebenso wie mit Kommunisten und Geistlichen.

Trotzdem entkam er den Nazis nicht: Er wurde als Schulungsleiter der NSDAP zu einem Lehrgang geschickt, reiste jedoch vorzeitig ab. „Damals war mir noch nicht klar, was das für eine Bestie war.“ Anschließend hatte er nur die Wahl, ins KZ zu gehen oder in die SA einzutreten. Er wählte letzteres.

Aus den Berichten von Augenzeugen und von Verlobten von Inhaftierten wusste Köhrmann von den schrecklichen Zuständen in den KZs. Insgesamt hätten die Nazis in Wuppertal schweren Stand gehabt: „Baldur von Schirach (Anm. d. Red.: Reichsjugendführer der NSDAP) und Goebbels durften sich in Wuppertal nicht blicken lassen.“ Besonders im „Anilin-Viertel“ – um die heutige Firma Bayer herum – hassten die Arbeiter die Nazis.

„Die Horch-Warte passten überall auf die Gesinnung auf“

Ständig habe man damals auf seine Worte achten müssen, berichtet Köhrmann. „Die Horch-Warte passten überall auf die Gesinnung auf. Einige profitierten von den Nazis, andere hatten die geballte Faust in der Tasche. Sogar innerhalb der Familie konnte man sich nicht mehr trauen.“ Seine damalige Verlobte hatte einen jüdischen Vater und eine evangelische Mutter.

Anfangs war sie dadurch vor den Nazis geschützt. Doch als die Mutter starb, mussten Vater und Tochter innerhalb von 24 Stunden aus Deutschland fliehen und durften nur 10 Mark mitnehmen. Hörmann hörte erst später über Dritte, dass sie überlebt hatten.

Butter gab es nur noch auf Lebensmittelmarken

Bald wurde auch Nahrung knapp. Butter gab es nicht mehr, viele andere Dinge nur noch auf Lebensmittelmarken. Später zu seiner Hochzeit erhielten Herbert Köhrmann und seine Braut eine Sonderzuteilung: für jeden ein Würstchen. „Das war vornehm, da gab es Erpelschlot mit Würstchen“, erzählt er. Manche Wuppertaler schlachteten damals Hunde. Besonders schlimm sei die Lage für Diabetiker gewesen, für die es kein Insulin mehr gab.

Köhrmann arbeitete für die Rüstungsindustrie und hatte während des Kriegs das Glück, wegen seiner guten Steno-Kenntnisse als Schreiber eingesetzt zu werden. Nach dem Krieg verbrachte er erst einige Jahre als Übersetzer in Augsburg. Danach war er erst als Einkäufer für Bemberg und dann viele Jahre lang für Schade und Sohn tätig.