Kühlschrank bestellt Butter und Salami nach

130 Jahre in Wuppertal:Kühlschrank bestellt Butter und Salami nach

Automatische Lieferung bis in die Kühltruhe oder ein emotional aufgeladenes Einkaufserlebnis im Laden – so sieht Buchhändler Michael Kozinowski die Zukunft.

Von Michael Kozinowski

Schade! Da muss ich meinen Kaffee heute leider schwarz trinken. Aus irgendeinem Grunde hat die Nachbestellung der Kaffeesahne diesmal nicht geklappt. Das klappt doch sonst immer! In wenigen Minuten kommt mein Shuttle. Wie jeden Montag treffen meine Freunde und ich uns im Café zum Kartenspiel.

Der Wirt wird uns wahrscheinlich wieder mit einem seiner besonderen Weine überraschen und ich werde auch diesmal nicht nein sagen können und eine Kiste kaufen. Wenn ich am Nachmittag nach Hause komme, wird sie bereits im Keller stehen. Und der Pullover, der mich auf dem Nachhauseweg angelacht hat, liegt auch bereits in der Paketbox.

So oder ähnlich kann ich mir das Einkaufen 2035 vorstellen: Alles was zum täglichen Bedarf gehört – Lebensmittel wie Butter, Kaffee oder Milch, Toilettenpapier, Seife und andere – werden selbstständig nachgeliefert. Und das nicht nur bis in die Paketbox, sondern die Lebensmittel wahrscheinlich sogar bis in den Kühlschrank.

Alles, was Routine ist, wird automatisiert sein. Auch um die Bezahlung werden wir uns nicht mehr kümmern müssen, die Abbuchung erfolgt automatisch zu den einmal verabredeten, hinterlegten Konditionen. Generell gilt: Einkaufen wird in Zukunft so einfach wie möglich gestaltet sein. Kein Einkaufszettel, kein Portemonnaie werden mehr nötig sein, der Einkaufswagen folgt uns selbstständig.

Blick in die Zukunft: Einzelhandel 2035

Bereits heute geht das Einkaufen weit über die reine Warenbeschaffung hinaus. „Einzelhandel wird es immer geben. Der Mensch will auf die Straße, unter Leute und was erleben“, sagt ein Einzelhändler aus Krefeld.

Warum sollte man in die Stadt fahren, ob mit einem Shuttle oder individuell, wenn man sich mit einem Klick die ganze, bunte Warenwelt nach Hause kommen lassen kann? Inspiration, Gerüche, Geräusche – all das werden weiter Gründe sein, „offline“ einzukaufen: Einkaufen wird zur Freizeitgestaltung. Der stationäre Einzelhandel steht seit Jahren unter enormem Druck: veränderte Kundenbedürfnisse, hoher Wettbewerbsdruck, neue Betriebsformen und Kosten haben Traditionsgeschäfte zum Aufgeben gezwungen. Stationärer Handel muss also in Zukunft deutlich mehr leisten: Service, Beratung, Ambiente sind Anforderungen, die die immer individuelleren und kritischen Kundinnen und Kunden einfordern werden.

Das zeigt sich ja bereits heute im Einkaufsverhalten: Nicht ohne Grund trennen sich zum Beispiel die Filialbuchhandlungen von ihren gleichförmigen Großflächen und ziehen sich auf kleinere, individuellere Geschäftsflächen zurück. Damit einhergehend wird die Verknüpfung von Online-Angeboten mit stationären immer wichtiger.

Die Kunden fordern Verfügbarkeit unabhängig von Ort und Zeit, vertrauen dabei auf Produktbeschreibungen und -bewertungen Dritter. Die große Zahl von Verkaufsflächen wird in Zukunft wohl nicht mehr benötigt werden. Einzelhandel wird sich auf Kernzonen zurückziehen. Gewinner werden dabei die großen Städte sein. Gleichzeitig wird die Zahl der Mitarbeitenden im Einzelhandel abnehmen, die Zustellung der Waren – ob im Handel oder zum Endkunden – schafft nicht in gleicher Größenordnung neue Arbeitsplätze, weil viele dieser Arbeitsabläufe von Maschinen übernommen werden.

3D-Hologramme zeigen passende Kleidung am Körper der Kunden

Zwei stationäre Geschäftsmodelle werden sich herausbilden. Filialunternehmen, die mit immer ausgefeilteren technischen Methoden Einkaufsverhalten, Verweildauer und Einkommen potenzieller Kunden ausforschen und zusammenführen. Mit Hilfe dieses Datenmaterials (etwa durch die Nutzung der „Beacon“- Technologie, die per Sender und Smartphone die Kunden direkt anspricht) wird ihr Angebot ausgerichtet werden. „Predictive Modeling“ wird Kundenbedürfnisse zielgenauer vorhersagen.

Beim Schlendern durch Einkaufszentren werden 3D-Hologramme die Bekleidung anzeigen, deren Kauf nach Auswertung der Daten der Besucherinnen und Besucher wahrscheinlich sein wird, die passende Ware wird sich möglicherweise direkt in den Laufweg der Bummelnden schieben.

Verführung mit Bauchgefühl und allen Sinnen

Aber es wird weiter Spezialisten geben, die ganz individuell die menschlichen Sinne ansprechen: fühlen, schmecken, riechen. Bei denen mit Emotionen die entsprechenden Zielgruppen verführen. Die nicht EDV-, sondern bauchgesteuert einkaufen und ebenso mit einem schönen Bauchgefühl ihre Kunden überraschen wollen.

Für diese Art von Handel wird es keinen Massenmarkt geben, er wird aber unsere Innenstädte prägen. Hier liegen auch die Chancen für den inhabergeführten Einzelhandel. Erfolgreich wird in Zukunft sein, wer sein Unternehmen zur Marke machen kann. Gemeinsames Ziel aller Geschäftsmodelle ist es, Kundinnen und Kunden langfristig zu binden. Dabei steht die individuelle Kundenbeziehung im Vordergrund und nicht der Verkauf bestimmter Produkte und Dienstleistungen.

Das wird für alle Vertriebsformen noch wichtiger werden, sowohl für den Massenmarkt als auch für die Spezialisten, sowohl online als auch offline. Die Herausforderung für unsere Innenstädte besteht in Zukunft darin, mit vereinten Kräften, mit Stadtmarketing, Einzelhändlern, Investoren und Handelsexperten kreative Lösungen zu finden, die die lokalen Stärken hervorheben. Der Online-Handel wird auch in Zukunft nicht der Tod des stationären Handels sein. Durch die fortschreitende Digitalisierung ändern sich nur die Spielregeln.