Jagd der Nazis auf Juden

130 Jahre in Wuppertal:Jagd der Nazis auf Juden

Selbst als kleiner Junge bekam Caska die Nazi-Untaten mit. Das Haus der Familie Caska wurde beim großen Angriff der Alliierten 1943 getroffen, sie überlebte jedoch.

Von Tanja Heil 

Selbst der erst 1935 geborene Walter Caska bekam schon etwas von den Untaten der Nazis mit. Ihm fiel auf, dass an der Heckinghauser Straße plötzlich große Holzkisten vor Häusern standen. Von älteren Kindern ließ er sich vorlesen, dass darauf in großen Lettern „AMERIKA“ stand. Auswanderer verpackten darin ihr Hab und Gut. „Einmal hörte ich, wie meine Mutter zum Vater sagte: ,In Kemna sollen Leute geschlagen worden sein.’ Als ich nachfragte, erschraken meine Eltern und behaupteten, ich hätte mich verhört“, erinnert sich Caska.

Oder der bei den Kindern sehr beliebte „Professor“ aus der Straße: Er hatte immer ein Kästchen mit Bonbons oder Pfefferminz in der Tasche und verteilte sie an die Kinder. Doch dann musste er den gelben Stern tragen. „Die ganze Blagenschar lief mit ,Jud, Jud!’ hinter ihm her, so dass er vor den Kindern davonlaufen musste – das habe ich schon als Kind als Unrecht empfunden“, sagt Caska.

An der Sehlhofstraße begegnete Caska mit seiner Mutter einem älteren Jungen mit Judenstern. „Das war der Zeitungsjunge, der uns immer den Generalanzeiger brachte. Meine Mutter schenkte ihm 50 Pfennig und erklärte: ,Leute, die den gelben Stern tragen müssen, das sind ganz arme Menschen!’ Über die Reichskristallnacht regten sich meine Eltern sehr auf, als sie in den darauffolgenden Tagen beim Gang durch die Stadt den sinnlos angerichteten Schaden sahen.“

Hitler traute sich nicht, durchs „rote Wuppertal“ zu fahren

Eines Tages hieß es, die Kinder sollten sich am nächsten Tag hübsch anziehen, denn der Führer Adolf Hitler käme nach Wuppertal. „Da wurden wir Schüler schön im Spalier auf der Heckinghauser Straße aufgestellt, mit Hakenkreuz-Fähnchen. Wir haben stundenlang gestanden und er kam nicht - seitdem bin ich sauer auf Hitler gewesen“, erzählt Caska.

Auch einige SA-Leute in Gala-Uniform seien wirklich enttäuscht gewesen. Von Erwachsenen hörte der Junge später, Hitler habe sich nicht getraut, durchs „rote“ Wuppertal zu fahren.


Finke Colors

Viele Handwerker waren zu dieser Zeit noch mit Pferdefuhrwerken oder Dreirad-Lieferwagen mit Zwei-Takt-Motor unterwegs. Lastwagen hatten noch Vollgummi-Reifen und Kettenantrieb. „Nach Kriegsausbruch nahm der Verkehr auf der Heckinghauser Straße durch Militärkolonnen stark zu. Wenn Soldaten durchmarschierten, liefen wir Jungen begeistert mit“, erinnert sich Caska. Tag und Nacht fuhren Truppentransporte der Reichsbahn durch.

Lastwagen fuhren während des Krieges mit Gas oder Holz

Mit Fortschreiten des Kriegs mussten dann viele Lastwagen auf Gas umsteigen, später sogar auf Holzvergaser. Hinten auf dem Wagen hatten sie dafür einen großen Aufbau. Im Hinterhaus habe es damals einen kleinen Biervertrieb gegeben, berichtet Caska. Pferdefuhrwerke brachten riesige Bierfässer, aus denen das Kleinunternehmen das Bier in Flaschen abfüllte und verkaufte.

So war es. . .

Als es wegen des Kriegs Lebensmittel nur noch auf Marken gab, war die Familie froh über ihren Gemüsegarten am Clausenhof. „Dadurch haben wir keine Not gelitten“, sagt Caska. Lange Zeit wähnten sich die Wuppertaler vor Bombenangriffen sicher. Denn die Tante von Churchill wohne am Toelleturm, gingen die Gerüchte um.

Doch 1943 wurde das Haus der Familie Caska beim großen Bombenangriff auf Barmen getroffen. „Am Motorengeräusch der Flugzeuge konnte man hören, dass es sich um einen sehr starken Verband handeln musste“, erzählt Caska. Die Bombardierung begann mit Phosphor-Stabbrandbomben, die in kürzester Zeit ganze Straßenzüge in Brand setzten. „Als wir den Luftschutzkeller verließen, brannte das ganze Haus lichterloh.“

Nur einen Koffer mit den wichtigsten Papieren und einen Beutel mit Kleidern konnte die Mutter retten. Sonst fiel alles den Flammen zum Opfer. Zwischen den brennenden Häusern rannten die Eltern mit den drei Geschwistern zum Friedhof Brändströmstraße, um vor einstürzenden Mauern in Sicherheit zu sein. Dort brach allerdings auch ein Vordach zusammen, unter dem die Familie noch wenige Augenblicke zuvor gestanden hatte.

Vom ganzen Straßenzug stand nur noch ein Haus

„In unserer Straße stand nur noch das Haus an der Ecke, da kamen wir dann ein oder zwei Tage unter“, erzählt Caska. Während der Vater wegen seiner Arbeit in Wuppertal bleiben musste, fuhr die Mutter mit den drei Kindern zu den Großeltern ins Sauerland. Dort wurden sie gut versorgt. Im Ort waren allerdings schon andere „Ausgebombte“. „Die waren bei der einheimischen Bevölkerung gar nicht willkommen“, erinnert sich der 81-Jährige. Als später jedoch weitere Flüchtlinge aus dem Osten kamen, habe sich der Unmut der Einwohner gegen diese gerichtet. Erst 1954 kam Caska zurück nach Wuppertal.