Ehrenamtler kümmerten sich um die Armen

130 Jahre in Wuppertal:Ehrenamtler kümmerten sich um die Armen

Das „Elberfelder System“ galt als vorbildlich und wurde von anderen Städten übernommen. Erklärtes Ziel war es, die Hilfsbedürftigen wieder in Arbeit zu bringen.

Von Tanja Heil 

Schon Mina Knallenfalls schildert die Zustände drastisch: 13 Kinder waren sie zu Hause, „mi Vader wor fuselkrank“ und die Mutter versuchte, mit Socken stricken und Garn spulen die Familie über Wasser zu halten. Die Häuser an der Fuhr waren nass, im Winter schlecht geheizt und völlig überfüllt. Kinder mussten während der Frühindustrialisierung von klein auf mitarbeiten – entweder bei Heimarbeitern an der Spule oder in den Fabriken. Viele Industrielle hielten es sogar für eine Wohltat, wenn sie schon kleine Kinder in ihren Fabriken arbeiten ließen; so hätten diese keine Zeit zum Betteln und für sonstigen Unsinn.

Gerade zwischen den Webstühlen wurden viele Kinder eingesetzt, um zerrissene Fäden wieder zusammenzuknüpfen oder unter den Maschinen zu fegen. Die Bildung blieb dabei auf der Strecke. Zwar gab es Schulen, in die Arbeiterkinder nach ihrem Fabriktag gehen sollten. Aber nach zwölf Stunden monotoner Tätigkeit unter ohrenbetäubendem Lärm kann man sich vorstellen, dass dort wenig passierte.

Wer von den Erwachsenen bei einem Unfall verunglückte oder krank wurde, geriet schnell an den Rand des Hungertods. Hilfe gab es anfangs vor allem von den Kirchengemeinden.

Christen fühlten sich verpflichtet, Familien in Not zu helfen

Die Reformierte Gemeinde in Elberfeld etwa richtete ein Armenhaus ein. Der Aufenthalt dort war kein Zuckerschlecken: Menschen mit ansteckenden Krankheiten und gesunde Hilfsbedürftige mussten oft ein Zimmer teilen. Die Waschräume müssen um 1880 fürchterlich gestunken haben. Wer irgendwie arbeitsfähig war, wurde zur Hilfe eingeteilt – in der hauseigenen Brauerei, im Garten oder bei der Versorgung des Hauses. Mit Ausbreitung von Fabriken und Maschinen verschärfte sich die soziale Situation. Einerseits wurden einfache Arbeiter durch Maschinenkraft ersetzt, etwa an dampfbetriebenen Webstühlen. Andererseits kamen immer mehr Tagelöhner und verarmte Bauern aus dem Sauerland und anderen Regionen in die erfolgreichen Städte Barmen und Elberfeld.

Der Barmer Fabrikant und Landtagsabgeordnete Johannes Schuchard schilderte 1837 seinen Kollegen im Landtag die Zustände insbesondere bei der Kinderarbeit: „Könnten Sie, hochverehrte Herren, doch einmal die Jammerszene mit ansehen, wenn die armen, zarten Kinder in kaltem oder nassem Wetter morgens um 5 Uhr weinend und widerstrebend von der Mutter in ein solches Gefängnis geschleppt werden . . .“ Die 30 bis 45 Silbergroschen, die diese für ihre Arbeit bekamen, reichten kaum für das täglich Brot der Kleinen.

Die städtische Armenverwaltung erwies sich als überfordert von der Fülle der Hilfsbedürftigen. Wobei die Latte für den Begriff hoch gelegt wurde: Als hilfsbedürftig galt nur, wer nicht in der Lage war, die Einkünfte des geringsten Tagelöhners zu erzielen. Ob dieser denn von seinem Geld satt wurde, fragte niemand.

Aus dieser Situation heraus entwickelten der Unternehmer und Mitbegründer der Elberfelder niederländisch-reformierten Kirche, Daniel von der Heydt, und die Fabrikanten Gustav Schlieper und David Peters mit Hilfe von Stadt und Evangelischer Kirche das Elberfelder System.

So war es. . .

Ihre Idee: Sie teilten die Stadt in Quartiere ein, in denen sich jeweils ein ehrenamtlicher Armenpfleger um bis zu zehn Familien oder Alleinstehende kümmern sollte. Handwerker, kleine Beamte oder Kaufleute übernahmen diese Aufgabe, ab 1902 auch Frauen. Sie sollten sich vor Ort ein Bild von der Situation der Hilfsbedürftigen machen. Vorgesehen waren ärztliche Hilfe in Notfällen, Fürsorge für arme Wöchnerinnen und eine Verbesserung der Wohnverhältnisse.

In der Bezirksversammlung wurde dann alle 14 Tage gemeinschaftlich entschieden, wer welche Hilfe bekam. Diese wurde jeweils nur für zwei Wochen genehmigt – und sollte anschließend den Bedürftigen den Weg zurück in die Selbstständigkeit ebnen. Fast die Hälfte aller Antragsteller beließ es bei einem Antrag. Schließlich mussten dafür viele Formulare ausgefüllt werden. Auf diese Weise reduzierten sich die Kosten automatisch. Wer die Leistungen missbrauchte, konnte ins Gefängnis gesteckt werden. „Die Ein- und Durchführung dieser Neuordnung war das Werk einer großen Zahl von hervorragenden, gemeinnützigen und opferbereiten Bürgern“, lobte damals der General-Anzeiger.

Gleichzeitig versuchten die ehrenamtlichen Helfer, bezahlte Arbeitsplätze für ihre Schützlinge zu finden. Gerade im Straßen- oder Eisenbahnbau wurden sie häufig eingesetzt. Gezielt forderten die Bürger, bei Großprojekten erst einmal Arbeitslose aus der Stadt zu engagieren. Für Waisen, „Sieche“ und Obdachlose wurden neue Anstalten gebaut. Das Elberfelder System wurde später von anderen Städten, etwa Münster, Köln und Breslau, kopiert.

Heute erinnert das Armenpflegedenkmal auf dem Kirchplatz an das „Elberfelder System“ (siehe Bild). Die neoklassizistische Statue von Wilhelm Neumann-Torborg wurde 1903 zu dessen 50. Jahrestag aufgestellt. Nach dem Krieg war es verschollen und wurde erst 2009 auf Initiative von Hans-Joachim Camphausen dank Spenden wieder aufgestellt.