Der Weltort Wupperbogen vermittelt Heimat

130 Jahre in Wuppertal:Der Weltort Wupperbogen vermittelt Heimat

In Zusammenarbeit mit dem Pina-Bausch-Zentrum möchte der Philosoph Bazon Brock ein Lehrtheater an historischen Orten organisieren.

Von Bazon Brock

Wieso bin ich von Wien ausgerechnet nach Wuppertal gezogen? Weil Johannes Rau, die Baums und Universitäts-Rektor Gruenter mich anstifteten, jenseits der damals aktuellen Kunstszenen Köln, Düsseldorf, Krefeld, Essen, Dortmund, Wuppertal die geschichtliche Tiefenstruktur der Region zu vergegenwärtigen.

Region wurde zur Keimzelle der industriellen Revolution

Warum wurde die Region Barmen, Elberfeld, Solingen, Remscheid zur Keimzelle der ersten deutschen industriellen Revolution, deren Leistungen über den Barmer Engels dem in London lebenden Karl Marx zu seiner Analyse des Kapitalismus vermittelt wurden? Wieso erfand man im Raum Wuppertal sechzig Jahre vor Bismarck und hundert Jahre vor dem Rest der Welt Versicherungen gegen Arbeitsunfälle, Alter, Krankheit? Wieso wurden in Barmen Landschaften der Heilsgeschichte der Christen realisiert? Warum bildete sich eben dort der christliche Widerstand gegen den Nazi-Totalitarismus aus?

Die Antworten auf die Fragen von Johannes Rau nötigten zu einer viel weitergehenden geschichtlichen Erschließung des heutigen geografischen Raumes NRW.

Allgemein wird behauptet, die Briten hätten nach dem Zweiten Weltkrieg Nordrhein- Westfalen als politisches Willkürkonstrukt eingerichtet. Seit vierzig Jahren zeige ich, dass die geistige Landschaft des heutigen NRW schon vor zweitausend Jahren begründet wurde. Hier stießen keltische Spiritualität, römisches Rechtssystem und germanische Gesellschaftsordnung hart aufeinander: eine Konstellation, die gerade gegenwärtig in der Begegnung von islamischer Glaubensstärke mit bundesdeutschem Grundgesetz und Bürgerstolz der erfolgreichen BRDler wieder höchst brisant wird.

Wer weiß schon noch, warum der Elberfelder Färbermeister Bayer das Monument einer neuen Weltchemie genau an jenem Ort des Rheines etablierte, an dem nach lokaler Überlieferung der Schatz der Nibelungen verloren gegangen ist? Weil die Chemie tatsächlich zum Rheingold der Moderne werden sollte. Warum wurde die gotische Kathedrale in der Ödnis von Altenberg errichtet? Warum zogen die Leute von der Niffel/Euskirchen nach Thorta/Dortmund, dem Stammsitz der Sachsen, und nach Susa/Soest, um im Tresorraum der heutigen Sparkasse durch ihr Ende einen Weltmythos zu begründen?

Blick in die Zukunft: Geschichte 2035

Seit dem siebten Jahrhundert sind alle diese Vorgänge dokumentiert und in hochwertige Literatur gefasst. Sie wurden nach 1200 hemmungslos geplündert.

Aus der Schwester der Wupper, der Dhün, wurde die Donau, aus Attalos von Siegburg wurde der Hunnenführer Attila, aus Thidrik von Bonn (bis 1260 offiziell Verona/Bern genannt) wurde Dietrich von Bern, obwohl die historischen Figuren nicht zur gleichen Zeit gelebt haben. Schließlich wurden diese Fälschungen durch Germanisten und den Komponisten Richard Wagner zur nationalen Attraktion, auf die sich noch Hitler für sein Wahnsystem glaubte stützen zu dürfen.

Ende der „nationalistischen Schaumschlägerei“

Ich möchte in der vierten Säule des Pina-Bausch-Zentrums mit einem Lehrtheater/Action Teaching in entsprechenden Bild- und Objekt-Inszenierungen auf der Grundlage der von Johannes Rau geförderten Forschungen Ritter-Schaumburgs den Fake der Nibelungen-Sage auf das Maß üblicher Lokalkonflikte zurückführen und damit von nationalistischer Schaumschlägerei ablösen. Die geistige Topographie des Raumes Siegburg, Bonn, Köln, Euskirchen, Leverkusen und nordwärts bis Xanten sowie ostwärts über Essen, Wuppertal, Dortmund, Soest bis nach Paderborn ermöglicht eine Erzählung, die das Leben der heutigen Bewohner dieses Raumes in bisher kaum vorstellbarer Weise bereichern dürfte.

Als Ort der Darstellung dieser Topographie wäre der pavillonartige Umgang um den rechten Patio des Schauspielhauses ideal. Ich würde Ausstattungsstücke aus meinem Vorlass sowie Drittmittel zur Etablierung des Lehr- und Aktionsgeländes einbringen.

An Wochenenden würden Busse, die als „Archäomobile“ ausgestattet sind, die Besucher des Wupperbogens an die realen Plätze der „Topographie des Geistes NRW“ bringen, um vor Ort die Fähigkeit zu trainieren, auf einem jeweils gegebenen kleinen Stück Erdoberfläche die historischen Ereignisse als geschichtetes Geschehen sich vorzustellen; denn Geschichte ist geschichtetes Geschehen in konstanten Raumkoordinaten.

2018 wird sich NRW endgültig aus dem Kohlebergbau verabschieden. Da der Bergbau mit der Hochseeschifffahrt und der Weltraumerkundung zu den Großleistungen der Menschheitsgeschichte gehört, sollte dieser Ausstieg entsprechend gewürdigt werden. Seit dem sechsten Jahrhundert und natürlich erst recht nach dem Einzug der Preußen infolge der Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons ist der geschichtliche Raum NRW zu einem guten Teil durch die Entwicklung der Bergwerkskunde bestimmt worden.

Kunst, Literatur, Musik und volkstümliche Erzählungen in Konkurrenz zu religiös bestimmten Vorstellungen der unteren Welten beweisen die Faszination, die der Bergbau bis heute provoziert. In meiner „Topographie des Geistes NRW“ wird dieser Faszination gehuldigt.


Rheinisch-Bergische Druckerei GmbH

Historische Fakten ergeben ein Sinnbild für unsere Stadt

Hier schließen sich das Kleinmütige und das Großzügige zusammen

Von Bazon Brock

Nicht nur Auswärtigen muss man von Zeit zu Zeit erklären, wie in Wuppertal die historischen Fakten der jüngeren Stadtgeschichte zum Bild, zum Sinnbild zusammenschießen: Elberfeld und Barmen, ganz eigenständige historische Größen, die erst seit 1927 in das synthetische Konstrukt Wuppertal hineingezwungen wurden;

das Urstromtal der industriellen Revolution in Deutschland und das gemütergreifende flache Rinnsal der Wupper;

die gotteslästerliche Ausgrabung des Neandertalers westlich der Stadtgrenzen durch den Elberfelder Gymnasialprofessor Fuhlrott und die das Jahrhundert bestimmende Gründung der Farbchemie durch den Elberfelder Färbermeister Bayer;

die frühkapitalistische Triebkraft des reformierten Protestantismus und die Lage der arbeitenden Klassen in England, die Friedrich Engels hier 1845 beschrieb.

Wie gehen Sektenbildung und das Wuppertaler Modell der Massenwohlfahrt zusammen? Das hiesige Anarchistenpotenzial der Kaiserzeit, eines der stärksten in Deutschland, und der Elberfelder Nationalsozialismus der Herren Goebbels und Strasser; Else Lasker-Schüler und Arno Breker;

der Elberfelder Enthaltsamkeitsverein und die Lustauen des Elberfelder Mäzens von der Heydt;

die weltweite Einmaligkeit der Schwebebahn und das ganz profan gigantische Betongeschlinge des Sonnborner Kreuzes samt Stadtautobahn;

die hiesige Erfindung des Aspirins und die Sorgen der heutigen Stadtregierung?

Wie und worin das zusammenschließt? In der Bergischen Universität – und ich bin sicher, dass der damalige Wissenschaftsminister Rau die Universität schon als Sinnbild des scheinbar Unvereinbaren gegründet hat.

Aber wir verharren nicht in dieser Verbindung von Region und Genius Loci! Ich zitiere dazu eine der mir wichtigsten Selbstfestlegungen: Günter Eich hat mit einem Gedicht in den „abgelegenen Gehöften“ von 1948 eine weiter ausgreifende Verbindung Wuppertals, die Vermittlung von Heimat und Weltgeist, folgendermaßen vorgeschlagen:

Gedicht von Günter Eich über Heimat und Weltgeist in Wuppertal

„Aurora Morgenröte, Du lebst, o Göttin, noch, der Schall der Weidenflöte tönt aus dem Haldenloch.

Wenn sich das Herz entzündet, belebt sich Klang und Schein, Ruhr oder Wupper mündet in die Ägäis ein.

Dir braust im Ohr die Welle vom ewigen Mittelmeer – Du selbst bist die Stelle von aller Wiederkehr. In Kürbis und in Rüben wächst Rom und Attika. Gruß Dir, Du Gruß von drüben, – wo einst die Welt geschah.

Wann und woran entzündet sich das Herz?

Wann wird man selber zur Stelle aller Wiederkehr?“

Eben nicht, wenn man in industriezeitalterlichem Heroismus Mauern türmt oder auf dem Weg zu Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten Mauern stürzen lässt (beides hat Wuppertal in übergroßem Maß erfahren), sondern wenn man in Kürbis und in Rüben, auf einer Kokshalde, auf dem dreckigen Rinnsal der Wupper Rom und Attika als geschichtliche Größe erinnern kann.

Solche Erinnerungen an das, was wir nicht sind und nicht sein können, was die Menschheit ein für allemal verlor und nur als Verlorenes sich gegenwärtig halten kann, entzündet das Herz und lässt im Ohr die Welle des ewigen Mittelmeeres brausen. Kürbis, Rüben, Wupper, Kokshalden; also das Banalste, das Alltäglichste, das Unauffälligste und Selbstverständlichste gilt es, ernst zu nehmen, ja zu heiligen.

Heilig der Provinzialismus, die selbstgenügsame Beschränkung aufs Nächstliegende.

Heilig die Filzpantoffeln, in denen man nicht schneller sein kann als der Schwächste.

Heilig der sinnierende Blick und die Hände im Schoß.

Heilig das matte Blatt, dem kein Gärtner droht, es zu pflegen.

Heilig, was geht, wie es immer ging, und nicht wünscht, anders zu gehen.

Versteht man, dass Wuppertal in diesem Ernstnehmen des Banalsten und Alltäglichsten seine Verbindung mit der Geschichte knüpft, ja die Stelle der Wiederkehr dessen ist, worin einst die Welt geschah?

Dieses Bekenntnis zu Wuppertal legte ich 1987 bei der Ehrenpromotion Rudolf Augsteins an der Bergischen Universität ab. Es hier, der Stadt und der Universität zu Ehren, noch einmal zu wiederholen, bedeutet ja wohl, dass es seither keinen Grund gab, Wuppertal zu verlassen – trotz vielfacher Möglichkeiten dazu.

Das Bekenntnis zu praktizieren, fällt mir nicht schwer, da ich die Hälfte meiner Tage j.w.d. verbringe, um dort erstaunten Gastgebern zu erklären, dass ich aus Wuppertal komme, und mit Verve darzustellen, wie an diesem merkwürdigen Ort das Kleinmütigste und das Großzügigste, das Seltsamste und das Selbstverständlichste zusammenschießen.