Als Strom noch etwas Besonderes war

130 Jahre in Wuppertal:Als Strom noch etwas Besonderes war

1887 wurde in Elberfeld das erste kommunale Elektrizitätswerk Preußens gebaut. Schnell entdeckten die Wuppertaler die Vorzüge elektrischer Geräte.

Von Tanja Heil

Als zeitgleich mit dem ersten Erscheinen des Generalanzeigers 1887 das Elektrizitätswerk in Elberfeld am Hofkamp seinen Betrieb aufnahm, gehörte es deutschlandweit zu den allerersten in städtischer Hand. Die Möglichkeit, Strom in größerem Maßstab zu erzeugen, war erst wenige Jahre alt. Werner von Siemens hatte 1866 das elektrodynamische Prinzip entdeckt.

Vor allem aber hatte Thomas Edison 1881 auf der Pariser Weltausstellung die erste Glühlampen-Beleuchtung vorgestellt – das neue Licht galt als schick und modern. „Der Strom diente ausschließlich für die Beleuchtung und zum Angeben“, erzählt Hans Rainer Reuter vom der stromhistorischen Arbeitsgruppe der WSW. „In Privathaushalten galt elektrisches Licht als Prestigeobjekt.“ Firmen wie Bayer oder Ibach beleuchtete ihre Fabrikhallen schon spätestens 1886 elektrisch.

Abends um 21 Uhr gingen die Glühlampen aus – Dienstschluss

Innerhalb von acht Monaten wurde damals zwischen dem Hofkamp und dem Rex-Theater das Elektrizitätswerk aufgebaut. Der Strom – 1887 noch Gleichstrom – konnte höchstens über etwa 1300 Meter transportiert werden. „Beleuchtet wurde der Döppersberger Bahnhof, Fabrikhallen, Läden und Privatwohnungen“, erzählt WSW-Mitarbeiter Eugen Smolka. Um 21 Uhr abends war allerdings Schluss mit Licht: Da hatte der Kesselwächter Dienstschluss und die Glühlampen gingen aus.

Bei der Einführung kostete die „Menge, welche im Durchschnitt zur Unterhaltung einer Glühlampe mit einer Lichtstärke von 16 Normalkerzen auf die Dauer eine Stunde erforderlich ist“ vier Pfennig. Wer seine Glühlampe allerdings im Jahres-Durchschnitt weniger als eineinhalb Stunden täglich brennen ließ, musste für jede fehlende Stunde zwei Pfennig nachzahlen – das verkündete damals der General-Anzeiger.

1300 Glühbirnen konnten zu Beginn gleichzeitig versorgt werden. Der Verbrauch stieg jedoch so schnell, dass schon bald weitere Dampfmaschinen aufgestellt werden mussten. 1897 waren in Elberfeld 8500 Glühlampen zu 55 Watt, 720 Bogenlampen zu 400 Watt und 35 Elektromotoren mit zusammen etwa 60 PS an das Leitungsnetz angeschlossen. 1902 wurde ein Doppeltarif für Strom eingeführt: Abends kostete er aufgrund des hohen Verbrauchs mehr als tagsüber oder nachts. Denn der Hauptverbrauch lag entsprechend der Tageslichtzeit im Winter zwischen 18 und 21 Uhr.

Barmen zog schon ein Jahr später mit einem eigenen Kraftwerk nach

Das zweite Kraftwerk, das ein Jahr später in Barmen an der Viktorstraße gebaut wurde, wurde direkt für 5000 Glühbirnen geplant. Und das neue Kraftwerk erhielt Akkus: So lief der Strom auch nach Dienstschluss. Weitere Akkumulatorenstationen in Unter- und Oberbarmen sowie Wichlinghausen erweiterten den Radius der Stromversorgung.

Kleinunternehmer schätzten die preisgünstigen Elektromotoren

Das nächste Elektrizitätswerk wurde 1893 Am Clef zur Versorgung der Barmer Bergbahn von einer Aktiengesellschaft gebaut – denn die Bahnen waren bald die wichtigsten und größten Stromabnehmer. 1903 kaufte die Stadt Barmen das Kraftwerk und modernisierte es.

Für die Industrie wurde zu dieser Zeit bereits 5000 Volt Drehstrom produziert. 1908/ 09 wurde Am Clef ein weiteres, modernes Kraftwerk gebaut, das die ständig neuen Anforderungen erfüllen konnte. Besonders Handwerker und Kleinunternehmer schätzten die preisgünstigen und praktiHauskablen Elektro-Motoren.

Im Haushalt erleichterten Elektrogeräte die Arbeit

Auch im Haushalt fanden sich immer neue Anwendungsmöglichkeiten für Strom. Da zu Beginn die Leitungen ausschließlich von der Decke hingen, um Lampen daran anzuschließen, gab es Lampenfassungen mit angeschlossener Steckdose. Dort konnte die gute Hausfrau ihr Bügeleisen einstecken. „Das elektrische Bügeleisen behält immer eine gleichmässige Wärme, es russt und riecht nicht“ schwärmte die Werbung um 1910. Das Ausstellungsexemplar der stromhistorischen Sammlung allerdings zeigt: Die Hausfrau benötigte damals ganz schön Muskelkraft, um das schwere Eisen zu bewegen.

Um 1910 kamen auch die ersten Waschmaschinen auf den Markt. Das Wasser wurde damals allerdings nach wie vor mit Kohlefeuer erhitzt. Der unter einem Holzbottich befindliche Elektromotor übernahm nur das Wenden der Wäsche. Das anstrengende Auswringen musste zu Beginn weiterhin die Waschfrau erledigen.

Erst in den 50er Jahren kamen Waschmaschinen auf den Markt, die neben der eigentlichen Waschmaschine in einem großen Block auch eine Schleuder enthielt. Die Hausfrau musste die Wäsche also nur noch umfüllen. Solche großen Maschinen setzten sich allerdings erst dann durch, als kaum noch Dienstmädchen in den Haushalten zu finden waren.

Der Herr des Hauses schätzte damals eher den elektrischen Zigarettenanzünder, der direkt in die Lampenfassung geschraubt werden konnte. Oder den elektrischen Rasierapparat, der zwar als „Sicherheitsrasur“ in den 30er Jahren entwickelt wurde, sich aber aufgrund der relativ hohen Kosten erst in den Nachkriegsjahren verbreitete.

In der stromhistorischen Sammlung ist auch eine Erfindung von Bundeskanzler Konrad Adenauer zu sehen: ein von innen beleuchtetes Stopfei. Die Elektrizitätswerke propagierten in den Nachkriegsjahren die Anschaffung von Kühlschränken – sie erhofften sich dadurch Stromabnehmer, die 24 Stunden am Tag zuverlässig Strom benötigten.

Gerade in der Wohnungsnot der Nachkriegsjahre waren auch elektrische Kochplatten beliebt. „Wenn da das Wasser reintropfte, gingen die sofort kaputt“, erzählt Eugen Smolka. Die Bergische Elektrizitäts-Versorgungs-Gesellschaft warb mit der sauberen elektrischen Küche, die auch für den Geringverdiener geeignet sei: „Nahezu 70 von Hundert der zahlreichen, im Gebrauch stehenden elektrischen Küchen befinden sich in den Händen von Minderbemittelten.“

Küchenmaschinen mit elektro-Antrieb sollten der Hausauffrau das Leben erleichtern: Mit verschiedenen Aufsätzen konnte sie nun Kaffee mahlen, Fleisch durch den Wolf drehen oder Bohnen schneiden. Der Haartrockner hatte zu dieser Zeit noch riesige Ausmaße, produzierte aber nur einen kleinen Windhauch.

Vor dem Volksempfänger versammelte sich die ganze Familie

In Wuppertal erfand Vorwerk 1930 den ersten elektrischen Handstaubsauger Kobold. Im Direktvertrieb überzeugten die Vertreter ihre Kunden von den Vorzügen des neuen Geräts. Der Motor wurde bald nicht nur zum Aufnehmen von Staub verwendet, sondern mithilfe von Erweiterungen zum Trocknen von Haaren oder zur Fellpflege bei Pferden. Allerdings bevorzugte auch hier die Klientel, die sich solch ein Gerät hätte leisten können, oft das beflissene Dienstmädchen.

Ein wichtiger Stromabnehmer im Haushalt war ab den 20er Jahren das Radio: Oft versammelte sich die ganze Familie vor dem riesigen Gerät, um Nachrichten, Musik oder Wissenssendungen zu hören. Die Nazis sorgten für billige Volksempfänger – auch hiervon hat die stromhistorische Sammlung ein Beispiel mit Reichsadler. In den 50er Jahren gab es dann schon handliche Kofferradios im zeittypischen Beige- Farbton. Und dann hielten die ersten Fernsehgeräte ihren Einzug in den Wohnzimmern.