12.07.2018

WZ Forum - Vorgesorgt

Gesundheitswesen und -prävention als Thema des WZ-Forums: Mit Projekten allein ist es nicht getan

Eine Milliarde Euro wird im Schnitt pro Tag in Deutschland in das Gesundheitswesen und somit auch in die Vorsorge investiert. Eine enorme Summe.

Gesundheitswesen und Gesundheitsprävention

Das Thema Gesundheitsvorsorge wurde beim WZ-Forum Vorgesorgt facettenreich diskutiert.
Das Thema Gesundheitsvorsorge wurde beim WZ-Forum Vorgesorgt facettenreich diskutiert.
Von Christine Zacharias     

Fließt das Geld im Gesundheitswesen in die richtigen Kanäle, kommen wirklich ausnahmslos erforderliche Operationen und Behandlungen zur Anwendung? Welchen Platz nimmt die Prävention hierbei ein? Und nicht zuletzt: Wie steht es um das deutsche Gesundheitswesen, dem nicht wenige Kritiker inzwischen attestieren, unter einem immer härter werdenden Konkurrenzkampf, etwa zwischen den Krankenhäusern, zu leiden?

Fragen, die auch die Teilnehmer des WZ-Forums Vorgesorgt angeregt diskutieren. Das Resultat ist ein ungemein facettenreiches Bild, nicht zuletzt, weil Vertreter ganz verschiedener, mit dem Gesundheitswesen befasster Branchen beteiligt sind.

„Wir haben ein gutes Gesundheitswesen mit einem hohen Durchdringungsgrad“, sagt Professor Dr. Petra Thürmann, Ärztliche Direktorin der Wuppertaler Helios-Kliniken und unter anderem seit 2011 Mitglied des Sachverständigenrates des Bundesgesundheitsministeriums zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. „Alle werden versorgt.“ So sei die Zahl der (kostspieligen) Herzoperationen überproportional gestiegen, wobei es besonders erfreulich sei, dass auch viele Patienten mit schweren Begleiterkrankungen sich heute dieser OP unterziehen könnten – Patienten, die vor 20 Jahren noch kaum eine Überlebenschance gehabt hätten. Auch teure Krebstherapien, die mit bis zu 200 000 Euro pro Jahr zu Buche schlagen können, würden in der Regel von den Krankenkassen akzeptiert. Und es werde auch niemand, der eine neue Hüfte brauche, abgewiesen, nur weil er bereits über 65 sei. „Die Allermeisten bekommen das, was sie brauchen“, so die Medizinerin. „Wenn wir jammern, tun wir das auf hohem Niveau.“ Aber das Problem sei zunehmend die Verteilung der Gelder. „Es hat vor einigen Jahren ein Wettbewerb um die Verteilung eingesetzt. Die Krankenkassen wurden aufeinander losgehetzt, niedergelassene Ärzte buhlen um Patienten, ebenso die Krankenhäuser“, berichtet die Medizinerin. „Wer so ein System stimuliert, hat es dann plötzlich auch mit Fehlanreizen zu tun.“

So wundere sich nach Thürmanns Erfahrung schon so mancher Beobachter inzwischen im Ausland, wie viele Rückenoperationen in Deutschland durchgeführt würden. „Und jedes Jahr gibt es neue Änderungen in der Gesetzeslage.“ Als positives Gegenbeispiel für diesen zunehmenden Wettbewerb im deutschen Gesundheitswesen nennt Professor Thürmann Skandinavien, wo die Versorgung seitens des Staates geregelt werde: „In Dänemark etwa verteilen sie die Krankenhäuser proportional. Den Rest, so sagen sie, brauchen wir nicht.“ In Deutschland sei es hingegen so, dass durch den Wettbewerb „manche Patienten Leistungen bekommen, die sie nicht unbedingt brauchen, und umgekehrt.“

Oliver Hartmann, Regionaldirektor der AOK Rheinland/Hamburg, pflichtet ihr von Seiten der Krankenkassen bei: „Es gibt gute und schlechte Kosten, und nur gute Kosten, zum Beispiel für Innovationen, nutzen dem Versicherten beziehungsweise Patienten. Viele Strukturen haben die Partner im Gesundheitswesen allein nicht in der Hand. Etwa bei der Krankenhausfinanzierung. Das Land müsste hier mehr investieren. Da passiert nicht genug.“ Die Folge sei mitunter eine ungute Entwicklung: „Was vielerorts aus Krankenkassenmitteln in Neubauten und Ausstattung fließt, sollte eigentlich der Versorgung der Menschen zukommen.“


Die Teilnehmer waren sich einig, dass die Gesundheitsprävention in Deutschland noch ausgebaut werden muss. Fotos: Alois Müller
Die Teilnehmer waren sich einig, dass die Gesundheitsprävention in Deutschland noch ausgebaut werden muss. Fotos: Alois Müller
Immer mehr Betriebe investieren in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter

Die gesundheitliche Vorbeugung, also die Prävention, sieht der AOK-Direktor Hartmann auf einem guten Weg. „Viele Unternehmen in der Region verfügen über ein betriebliches Gesundheitsmanagement. Die Unternehmen haben erkannt, dass Aktionen gegen Stress und Bewegungsmangel bei ihren Mitarbeitern letztlich auch zum Wohle des Betriebes sind und sich positiv auf die Produktivität auswirken.“ Viele Krankenkassen böten überdies längst Bonusprogramme für ihre Versicherten an, aber das sei nicht die einzige Richtung, in die es bei der Vorsorge gehen dürfe. Wichtig sei auch die Prävention bei den Kindern und Jugendlichen etwa in den Schulen. Dabei stellten das Rauchen und die Suchterkrankungen heute nicht mehr die einzigen Ansatzpunkte dar. Vielmehr heiße das neue Problem: Zucker.

„Wir haben es heute viel mehr mit Diabetes 2 bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun als früher. Das sind Symptome, die früher in der Regel erst bei den 60-Jährigen auftraten.“ Dies, so Hartmann, seien Herausforderungen, die die Kassen in den nächsten Jahren noch „belasten werden“.

Im deutschen Gesundheitswesen werden jedes Jahr mehrere Millionen Euro pro Jahr im Rahmen des Präventionsgesetzes investiert. Im Fokus stehen besonders Kitas, Grundschulen und auch ältere Menschen. Auch der Caritasverband Wuppertal/Solingen investiert in die Gesundheitsvorsorge, wie Rainer Keßler, Referatsleiter Pflege vom Caritasverband Wuppertal/Solingen, berichtet. Vor allem in den Betrieben und Einrichtungen passiere sehr viel in Sachen Gesundheitsvorsorge. Allerdings gebe es ein Problem: „Die Bereitschaft der Mitarbeiter muss geweckt werden. Sie müssen sich fragen, wie wichtig ihnen ihre Gesundheit ist. Und das ist nicht zuletzt auch eine Frage der Bildung“, sagt Keßler.

Um auch bei den sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen für Vorsorge zu werben, sind laut Dr. Andreas Kletzander, Vorstand der Wuppertaler Jobcenter, spezielle Gesundheitsbeauftragte im Einsatz. „Unsere Mitarbeiter führen Gespräche, beraten die Leute. So wurde etwa ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem jeden Freitag rund 30 Personen als Gruppe über die Nordbahntrasse laufen.“

Nach Ansicht von Oliver Hartmann sind solche Ansätze aber noch nicht ausreichend. „Es muss ein Ruck durch die gesamte Gesellschaft gehen“, ist der AOK-Chef überzeugt. „Mit dem erhobenen Zeigefinger kommen wir in Sachen Gesundheitsvorsorge nicht weiter.“ Auch Langzeitarbeitslose müssten bei den Gesundheitsprogrammen einbezogen werden, pflichtet er dem Jobcenter-Vorstand Kletzander bei. Erfolgreiche Projekte etwa in Essen und Wuppertal seien nachahmenswert. Zumal solche Projekte noch einen weiteren positiven Aspekt hätten: „Menschen, die an Gesundheitsprojekten teilgenommen haben, sind auch besser vermittelbar.“

Allerdings befürchtet Thomas Buckard, Vorstand der MPF AG, dass trotz der vielen erfreulichen Entwicklungen im Sportbereich, der zunehmenden Stadt- und Volksläufe sowie der aus dem Boden sprießenden Fitnesscenter die Schere sich hier wie auch im Vermögensbereich in Deutschland immer weiter öffnen werde „zwischen denen, die dabei sind, und denen, die außen vor bleiben“.

Was nach Meinung von Prof. Thürmann daher in Sachen Prävention besonders vonnöten ist, sei ein „betriebliches Gesundheitsmanagement als System“. Zitat: „Die großen Konzerne, etwa die Autobauer, haben riesige Gesundheitszentren, denn sie wissen, dass ungesunde Lebensführung zu Langzeiterkrankungen der Mitarbeiter führt. Vor allem psychische Erkrankungen und Rückenleiden nehmen ja immer mehr zu. Stress im Beruf und mangelnde Bewegung sind nicht selten die Ursache hierfür. Aber bei den kleinen Betrieben fällt die Gesundheitsprävention noch immer hinten runter. Wir schauen zu sehr auf die Krankenkassen und die großen Firmen.“

Laut Oliver Hartmann hat die AOK in Sachen Vorsorge inzwischen Betriebspartnerschaften auch mit kleineren Unternehmen im Rheinland geschlossen. „Eine wirkungsvolle Gesundheitsprävention ist die Herausforderung und gleichzeitig die Chance der nächsten Jahre.“

„Das dürfen aber nicht immer nur Projekte sein“, ist Professor Thürmann überzeugt. „Das muss verstetigt werden.“


Dr. Andreas Kletzander, Vorstand Jobcenter Wuppertal
Dr. Andreas Kletzander, Vorstand Jobcenter Wuppertal
Für uns als kommunales Jobcenter bedeutet Vorsorge vor allem eins: aufmerksam zu sein, hinzusehen und darauf zu achten, dass wichtige Angebote dort ankommen, wo sie gebraucht werden - bei den Menschen.

Es bedeutet aber auch, Entwicklungen in der unmittelbaren Nachbarschaft wahrzunehmen und gleichzeitig die gesamte Stadt im Blick zu haben.


Thomas Buckard, Vorstand Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen AG
Thomas Buckard, Vorstand Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen AG
Man muss frühzeitig mit dem Aufbau einer soliden finanziellen Vorsorge beginnen, sonst ist später eine große Versorgungslücke unvermeidbar. Die demografische Entwicklung bewirkt, dass die gesetzliche Rente den künftigen Bedarf nicht decken kann, und angesichts der niedrigen Zinsen bringen Lebensversicherungen und betriebliche Rentenkonzepte kaum Renditen. Wir empfehlen, schon in jungen Jahren, auch mit kleinen Beträgen, mit dem Vermögensaufbau zu beginnen.


Petra Martens, Fachanwältin für Medizinrecht
Petra Martens, Fachanwältin für Medizinrecht
Eine Stärkung der Patientenrechte dergestalt, dass diese künftig schneller Schadensersatzleistungen im Fall eines Behandlungsfehlers erhalten, ist sicher ein richtiger Ansatz. Vordringlicher sollte jedoch angesichts der sicher überwiegenden Anzahl der erfolgreich geführten Behandlungen eine Stärkung des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient sein und damit einhergehend eine Investition in die Prävention von Behandlungsfehlern, unter anderem durch Unterstützung bei der Finanzierung von mehr Pflegepersonal und Ärzten.


Dr. Philipp Freiherr von Hoyenberg, Notar
Dr. Philipp Freiherr von Hoyenberg, Notar
Niemand spricht gerne über die letzten Dinge und über den Zeitpunkt, ab dem man nicht mehr handlungsfähig ist. Doch schnell kann es für eine klare Regelung zu spät sein. Daher sollte man frühzeitig mit einem Menschen des Vertrauens darüber sprechen. Wichtig ist zudem, dass man den Weg zu guten Beratern findet und sich mit ihnen über Fragen rund um Vorsorgevollmacht und Testament austauscht.


Dr. Andreas Eurich, Vorstandsvorsitzender der Barmenia Versicherungen
Dr. Andreas Eurich, Vorstandsvorsitzender der Barmenia Versicherungen
Sowohl das Gesundheitswesen als auch das Thema Altersvorsorge mit seinen aktuellen Problemen und Zukunftsaussichten bewegen die politische Arena dauerhaft. Diese Fragen bewegen auch uns Versicherer insofern, als dass wir unseren Kunden adäquate Unterstützungs- und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen müssen, um die Bereitschaft zur privaten Alters-, Gesundheits- und Pflegevorsorge zu stärken.
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