12.07.2018

WZ Forum - Vorgesorgt

Finanzielle Vorsorge auf dem WZ Forum: Bildungsmangel bremst Vorsorge aus

Viele Menschen kümmern sich nicht um ihre finanzielle Vorsorge. Dafür gibt es nach Experteneinschätzung viele Ursachen. Eine liegt in der mangelnden Bildung, in fehlendem Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge.

Finanzielle Regelung

Warum sind viele Deutsche in Sachen Altersvorsorge weitaus zurückhaltender als Menschen in anderen Ländern? Eine von vielen Fragen zum Thema Vorsorge, mit der sich die Teilnehmer des WZForums Vorgesorgt beschäftigt haben. Fotos: Alois Müller
Warum sind viele Deutsche in Sachen Altersvorsorge weitaus zurückhaltender als Menschen in anderen Ländern? Eine von vielen Fragen zum Thema Vorsorge, mit der sich die Teilnehmer des WZForums Vorgesorgt beschäftigt haben. Fotos: Alois Müller
Von Jürgen Grosche     

Es ist schon erstaunlich: Die Zinsen verharren bei fast null Prozent, und es gibt rentablere Anlagen, aber insbesondere die Deutschen scheuen sich, in sie zu investieren. 38,4 Prozent ihres Vermögens haben sie bei Versicherungen oder Pensionskassen investiert – was zu Absicherungszwecken durchaus auch sinnvoll sein kann – und weitere 36,4 Prozent auf dem Sparbuch oder dem Festgeldkonto. Nur 9,3 Prozent stecken in Investmentfonds und sogar nur 6,7 in Aktien, obwohl sie damit beziehungsweise mit Fonds über längere Zeiträume deutlich mehr Rendite erwirtschaften würden. Aber gerade für die Vorsorge wären diese Investments gut geeignet.

Verantwortung wird auf den Staat geschoben

Warum sind Deutsche da so viel zurückhaltender als Menschen in vielen anderen Ländern? Eine Frage, mit der sich die Teilnehmer des WZ-Forums Vorgesorgt natürlich auch befassen. „Es gibt viele Ursachen für das Problem“, meint Thomas Buckard (MPF AG). Der Vermögensverwalter verweist auf den Mangel an ökonomischer Bildung, aber auch die Mentalität vieler Menschen: „Man schiebt gerne die Verantwortung auf den Staat oder andere Institutionen.“ Zudem stünden viele Menschen den Aktien skeptisch gegenüber: „Sie sehen sie nur als Spekulationsobjekte.“ 80 Prozent der Bevölkerung verbinde mit Aktien nur die Risiken. Im englischsprachigen Raum hat man dafür einen Begriff geprägt, man spricht von der „German Angst“.

Jens Böttger (Stadtsparkasse Wuppertal) bestätigt das aus seinen Beobachtungen. „Das Sparbuch ist nach wie vor eine wichtige Grundlage. Aber auf dieser muss man aufbauen.“ Deutsche Anleger hätten indes Angst und seien nicht bereit, übers Sparbuch hinaus zu denken. „Wir sind nicht glücklich damit“, spricht Böttger für seine Beratungskollegen, „wir versuchen, da entgegenzuarbeiten“. Ein Problem sei, dass viele Produkte komplex seien und die Kunden deswegen wenig Interesse zeigen. „Wir müssen aber diese komplexen Themen erklären und vermitteln“, beschreibt er die Aufgabe für Berater.

Dr. Andreas Kletzander (Jobcenter Wuppertal) sieht eine Parallele zu den Kunden seines Hauses: Sie hätten oft keine oder sehr wenige Kenntnisse selbst über einfache Dinge wie die Führung ihres Haushaltes. „Das sollte man eigentlich in der Schule lernen“, sagt Kletzander. „Wir müssen diese Bildung nun mühsam nachholen.“

Hier stellt der Notar Dr. Philipp Freiherr von Hoyenberg eine Zweiteilung der Gesellschaft fest: Einige seien leider überfordert mit der Aufgabe, finanziell selbst vorzusorgen. Andererseits gebe es heute eine „hoch gebildete Schicht“. Sie sei „beeindruckend gut informiert“, handle eigenständig und habe sich zum Beispiel über Themen der Geldanlage ein großes Wissen angeeignet.

In beiden Einschätzungen erkennt Professor Dr. Petra A. Thürmann (Helios/Universität Witten/Herdecke) wiederum eine Parallele im Gesundheitswesen. Dort treten ebenfalls neben den informierten Menschen viele in Erscheinung, die – meist aus unteren Einkommensschichten kommend – nicht im Ansatz wissen, was für sie gesund oder ungesund ist oder wo sie Rat und Hilfe bekommen. „Wie Sparer bei der Vermögensbildung vertrauen sie schlicht auf die Fürsorge durch den Staat oder soziale Einrichtungen.“ Viele Patienten wollen nichts über Behandlungsmethoden oder medizinische Zusammenhänge wissen, „für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, dass andere sich darum kümmern. Diese Menschen müssen wir ganz anders auffangen.“

Für Misstrauen bei der finanziellen Vorsorge hat Thürmann indes an einer Stelle ein gewisses Verständnis: „Einige Berater haben Geldanlagen empfohlen, die das Vertrauen der Anleger zerstörten.“

Ob Gesundheit oder Finanzen – die Diskussionsteilnehmer kommen immer wieder auf das Thema Bildung zurück. „Eine praktische Bildung für den Alltag findet in der Schule nicht statt“, beklagt zum Beispiel auch Oliver Hartmann (AOK Rheinland/Hamburg). In der Schule würden weder Kenntnisse über Geldanlage oder Steuern noch über die Gesundheit vermittelt. Hartmann appelliert daher an die Runde und damit an alle Akteure im Vorsorgebereich: „Es liegt an uns, das zu ändern.“

Sowohl der Finanzmarkt als auch das Gesundheitswesen seien eben auch für den Bürger schwierige und oftmals nur schwer verständliche Gebiete, räumt Petra Martens (Frowein & Partner) ein und berichtet aus ihren Beratungserfahrungen. Die Fachanwältin für Medizinrecht nennt als Beispiel einen Fall, wie er häufiger vorkommt: Einem Mandanten wird das Krankengeld verwehrt, weil die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung die Krankenkasse zu spät erreicht habe. In diesem einfachen Fall verborgen liegen für den Bürger viele Fallstricke, die für ihn Existenz bedrohlich sein können. Das Sozialrecht, zu dem auch ein großer Teil des Gesundheitsrechts zählt, sei mittlerweile so schwierig geworden, dass selbst Experten sich mit der Materie des konkreten Falls oftmals zeitintensiv befassen müssten, um weiterhelfen zu können. Vielfach schließe sich der Weg über die Sozilagerichte an. Aufgrund der dort bekanntlich langen Verfahrensdauer müsse der Bürger nicht selten eine lange Entscheidungsfindung in Kauf nehmen.“

Warum stagniert eigentlich die Riesterrente? Die sollte doch viele dieser Probleme für große Bevölkerungsteile lösen. Böttger sieht für die Zurückhaltung einen Grund darin, dass oft über den einen oder anderen negativen Aspekt sehr viel geredet werde, die Menschen dann verallgemeinern und davon ausgehen, das bringe alles nichts. „Doch so kompliziert sind die Produkte nicht“, entgegnet Böttger und verweist zudem auf die staatlichen Fördermittel. „Wir müssen die Menschen noch besser von den Grundzügen der Produkte, aber auch von Investmentfonds, überzeugen.“

Viele Menschen blenden das Thema schlichtweg aus, fügt Buckard hinzu, nach der Mentalität: Ich lebe jetzt, Vorsorge und Zukunft kümmert mich nicht. „Jeder muss aber etwas für sich selbst tun“, mahnt der Experte. „Wer sich auf das gesetzliche Rentensystem verlässt, wird unweigerlich in die Altersarmut geraten.“ Gegensteuern könne man zum Beispiel mit einem Fondssparplan – „einfacher geht es nicht.


Jens Böttger, Generationenmanagement Stadtsparkasse Wupppertal
Jens Böttger, Generationenmanagement Stadtsparkasse Wupppertal
Über die Regelung der letzten Dinge und des Erbes sollte man sich rechtzeitig Gedanken machen. Eine gute Beratung trägt hier dazu bei, dass man unbesorgt den Lebensabend genießen kann. Wir bieten im Generationenmanagement eine umfassende Betreuung an – von der Regelung des Vermögensübergangs bis zur Gründung einer Stiftung. Und gerne kümmern sich unsere Spezialisten auch um Fragen rund um die Abwicklung des Nachlasses.


Rainer Keßler, Referatsleiter Pflege Caritasverband Wuppertal/Solingen
Rainer Keßler, Referatsleiter Pflege Caritasverband Wuppertal/Solingen
Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit der Frage, wie sie alt werden möchten, wie sie trotz persönlicher Einschränkungen auch im höheren Alter ein individuelles und selbstbestimmtes Leben leben können. Diesem Bedürfnis wollen wir entsprechen. Um rechtzeitig wichtige Weichen zu stellen bei teilweise komplexen Fragestellungenm, bieten wir den Menschen kompetente Beratung und bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen qualifizierte Unterstützung.


Oliver Hartmann, Regionaldirektor AOK Wuppertal - Remscheid - Solingen
Oliver Hartmann, Regionaldirektor AOK Wuppertal - Remscheid - Solingen
Bei schweren Erkrankungen stehen Betroffene vor hohen Herausforderungen, die sie oft allein nicht bewältigen können. Insbesondere beim Übergang in verschiedene Versorgungsbereiche sind sie häufig überfordert. Die Patientenbegleiter der AOK betreuen und beraten betroffene Kunden und deren Angehörige in dieser Lebensphase und lotsen sie durch das komplexe Gesundheitswesen. Sie sorgen dafür, dass Patienten eine hochwertige individuelle Versorgung bekommen. Unser Ziel ist es, zur richtigen Zeit ganz kundennah für sie da zu sein.


Professor Dr. med. Petra Thürmann, Ärztliche Direktorin am Helios Universitätsklinikum Wuppertal, Mitglied im Sachverständigenrat des Bundesgesundheitsministeriums
Professor Dr. med. Petra Thürmann, Ärztliche Direktorin am Helios Universitätsklinikum Wuppertal, Mitglied im Sachverständigenrat des Bundesgesundheitsministeriums
In so einem, über lange Zeit vor sich hingewachsenen Konglomerat wie unserem Gesundheitssystem ist es manchmal schwer, sich als Bürger und Patient zurecht zu finden. Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken, Altenheime und andere Gesundheitsdienstleister müssen sich ständig an neue Regularien gewöhnen. Dennoch ist unser Gesundheitssystem schon ziemlich gut, ich glaube aber immer noch, dass das irgendwann mal richtig gut wird.


Jochen Eichelmann, Verlagsleiter WZ Wuppertal
Jochen Eichelmann, Verlagsleiter WZ Wuppertal
Das Thema Vorsorge gewinnt zunehmend an Bedeutung. Von unseren Lesern erfahren wir immer wieder, dass mit dem Thema auch Ängste und Sorgen verbunden sind. Vorsorge umfasst eben auch viele Themenkomplexe rund um Finanzen, Recht, Gesundheit, Pflege, Erben und andere. Daher ist es gut, dass beim WZ-Forum Vorgesorgt Experten aus unterschiedlichen Bereichen zusammengekommen sind, um darüber zu diskutieren.

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