12.07.2018

WZ Forum - Vorgesorgt

Dr. Andreas Kletzander vom Jobcenter Wuppertal: Hilfe für ein selbst verantwortetes Leben

In einem Vortrag beim WZ-Forum Vorgesorgt stellt Dr. Andreas Kletzander, Vorstand des Wuppertaler Jobcenters, heraus, was das Thema Vorsorge in der Arbeit und Begleitung der Klientel seines Hauses bedeutet.

Jobcenter Wuppertal

Wichlinghausen ist einer der Wuppertaler Stadtteile, die einen besonders hohen Anteil an sozial bedürftigen Menschen aufweisen. Archivfoto: Andreas Fischer
Wichlinghausen ist einer der Wuppertaler Stadtteile, die einen besonders hohen Anteil an sozial bedürftigen Menschen aufweisen. Archivfoto: Andreas Fischer
Von Christine Zacharias   

Bei der Bevölkerungsgruppe, mit der Dr. Andreas Kletzander es im Jobcenter Wuppertal zu tun hat, ist das Thema Vorsorge besonders komplex und vielschichtig. Annähernd 51 000 Menschen, die Leistungen der Grundsicherung beziehen, werden dort in acht Geschäftsstellen mit insgesamt rund 700 Mitarbeitern betreut.

Drei Dinge, betont Kletzander zu Beginn seines Vortrags, seien bei der Vorsorge wichtig: „Wissen, Können und Wollen“. Aber, so räumt der Vorstand Arbeitsmarkt ein: „Es gibt Menschen, die Vorsorge zwar natürlich auch nötig haben, die aber hierbei an ihre Grenzen stoßen“. Denn Vorsorge brauche auch Kapital. Und bei einem Bedarfssatz von beispielsweise 410 Euro im Monat könne man allenfalls zehn bis 20 Euro im Monat für die Vorsorge beiseite legen.“ Kletzander: „Bei vielen Beziehern der Grundsicherung geht aber nicht mal das, die schaffen es einfach nicht, zu sparen.“

Dabei werde die Herausforderung gerade in Wuppertal nicht kleiner. Denn entgegen den Prognosen sei die bergische Metropole inzwischen wieder eine wachsende Stadt. Allein 40 000 neu zugewanderte Menschen aus dem Ausland habe Wuppertal in den zurückliegenden Jahren aufgenommen. Kletzander: „Schon allein das ist eine große und wichtige Aufgabe, denn wir brauchen neue Schulen, neue Kitas, mehr Pflegekräfte, mehr Betten in den Krankenhäusern und vieles mehr.“

Aktuell sind fast 10 000 der insgesamt annähernd 51 000 durch das Jobcenter betreuten Menschen in Wuppertal Geflüchtete. „Dabei handelt es sich um Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen, die wir da zum Teil in den Jobcentern betreuen.“ Ziehe man Geringverdienende und sozial bedürftige Rentner hinzu, seien es sogar rund 70 000 Menschen in der Stadt, für die das Thema Vorsorge heikel sei.

Dr. Andreas Kletzander Foto: Alois Müller
Dr. Andreas Kletzander Foto: Alois Müller
Die Schere zwischen Mittelschicht und dem so genannten Prekariat manifestiere sich bedauerlicherweise auch zunehmend im Wuppertaler Stadtbild. „In Wichlinghausen stammen rund 40 Prozent der Kinder aus Familien, die von Leistungen der Grundsicherung leben. In manchen Straßenzügen sind es dort sogar 60 bis 70 Prozent.“ 30 Prozent davon seien Ausländer, die Wohngebäude vielerorts marode.

„In anderen, sozial besser aufgestellten Stadtteilen wie etwa Siebeneick liegt der Prozentsatz von Leistungsempfängern dagegen nur knapp über einem Prozent“, berichtet Kletzander. „Da ist es klar, dass das eine völlig andere Lebensqualität für die Kinder bedeutet.“ Insgesamt lebt fast jedes dritte Kind in Wuppertal in einer „Hartz IV-Familie“.

Die finanzielle Situation des Elternhauses hat klare Auswirkungen auf die Gesundheitsvorsorge der Kinder: „Die U9, also die Untersuchung des Kindes vor der Einschulung durch den Arzt im Gesundheitsamt, nehmen im Osten der Stadt, etwa in Wichlinghausen, nur etwa 70 Prozent der Eltern wahr. In anderen Quartieren gibt es dagegen eine Abdeckung von hundert Prozent.“ Kletzander: „Chancen werden eben genutzt oder auch nicht.“

70 Prozent der von den Jobcentern betreuten Personen haben keine Ausbildung. Rund die Hälfte der Klientel ist bereits länger als vier Jahre im Leistungsbezug. Auf der anderen Seite habe rund ein Drittel dieser Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen, was – so der Vorstand – natürlich ein Hindernis sei, um am sozialen Leben teilzunehmen. Bei zehn Prozent der Gruppe der Betreuten sei die Jugendhilfe aktiv, in einigen Fällen mussten die Kinder aus den Familien heraus und in die Obhut des Amtes genommen werden.

Eine Folge dieser Lebensumstände ist laut Kletzander unter anderem weniger Mobilität, etwa, weil sich der Betroffene kein Auto leisten kann. „Viele Familien haben schon lange ihr Quartier nicht mehr verlassen. Es fehlt ihnen vielfach auch an grundsätzlichem Wissen über die sozialen und staatlichen Systeme. Etwa, welche Kindergärten es gibt und anderes mehr.“ Die Teilhabe an Bildungschancen nehme so nicht gerade zu. Stattdessen wirke sich zunehmend eine negative „Milieuprägung“ auf die Betroffenen aus.

Auch in Sachen Gesundheitsvorsorge hätten etliche Personen der betreuten Klientel keine langfristige Perspektive. Kletzander: „Die haben aufgegeben.“

Die Menschen wieder in den ersten Arbeitsmarkt bringen

Natürlich sei es die dauernde Aufgabe der Jobcenter, diese Menschen mit Angeboten in geregelte Strukturen zu bringen. 15 000 sogenannte Maßnahmeplätze gebe es in Wuppertal derzeit, so Kletzander. Das seien Qualifizierungen, Weiterbildungen aber auch die sogenannten Ein-Euro-Fünfzig-Jobs. „Das Ziel ist es, die Menschen wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Bei vielen Menschen gelingt dies jedoch aus unterschiedlichen Gründen nur langsam, bei einigen gar nicht“.

Neben den eigentlichen arbeitsfördernden Maßnahmen engagiert sich das Jobcenter in vielen anderen Bereichen. So gibt man jedes Jahr im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets rund vier Millionen Euro zur Förderung von jungen Menschen aus einkommensschwachen Familien aus.

Kletzander nennt einige beispielhafte Projekte: etwa das Projekt SISal, bei dem Sozialarbeiter an vier weiterführenden Schulen im Wuppertaler Osten Kinder und Jugendliche intensiv bei ihrem schulischen Weg begleiten und dabei auch das Lebensumfeld der in der Regel aus sozial benachteiligten Familien stammenden jungen Leute einbeziehen. Hintergrund ist die Tatsache, dass es gerade in Oberbarmen unter den Jugendlichen überproportional viele gibt, die nach der Schule keine echte Perspektive haben.

Bei dem Projekt „75 Familien plus“ betreuen Familiencoaches solche Familien, in denen es in vielen Bereichen des täglichen Lebens knirscht. Jeweils zehn Familien werden durch einen Coach begleitet. „Ziel ist es, diesen Menschen zu mehr Eigenverantwortlichkeit im Leben zu verhelfen.“ Solche aufsuchende Arbeit in den Quartieren, so kostspielig sie sei, resümiert Kletzander, sei eine Aufgabe der Stadtgemeinschaft. „Es ist ja nicht so, als gebe es einen Mangel an Arbeit. Die Plätze sind verwahrlost, die Schultoiletten sind in einem schlechten Zustand. Aber es gibt einen Mangel an bezahlbarer Arbeit.“

Dass es auch andersherum geht, dass Leistungsbezieherinnen ihrerseits unterstützend tätig sein können, zeigt Kletzander an einem weiteren Beispiel: In Wuppertal gibt es ein Projekt, bei dem Leistungsbezieherinnen mit unterstützenden Tätigkeiten als Schulgesundheitsassistentinnen an Schulen im Einsatz sind. „Das sind kleine Dinge, die zur Teilhabe beitragen“, sagt Kletzander. „In der Vorsorge ist es wichtig, dass wir auch an Menschen denken sollten, die sonst durch das Netz fallen.“

Denn ohne Prävention wird es richtig teuer: Jedes Jahr gibt das Jobcenter in Wuppertal rund 300 Millionen Euro für die Kosten des Lebensunterhaltes der von ihm betreuten Menschen aus. „Wir müssen noch mehr als bisher in Prävention und Vorsorge investieren. Unterm Strich ist das für Stadt und Gesellschaft preiswerter“.

Altersvorsorge

Soziale Hindernisse der Vorsorge

Einige pflegen Angehörige, andere haben keinen Zugang zum Arbeitsmarkt – es gibt viele soziale Gründe, warum Menschen (zu) wenig Geld für die Vorsorge zur Seite legen.

Meist sind es Frauen, die Angehörige pflegen. Sie bilden somit den „größten ambulanten Pflegedienst“, sagt Rainer Keßler vom Caritasverband Wuppertal. Foto: Thinkstock
Meist sind es Frauen, die Angehörige pflegen. Sie bilden somit den „größten ambulanten Pflegedienst“, sagt Rainer Keßler vom Caritasverband Wuppertal. Foto: Thinkstock
Von Jürgen Grosche

Finanzielle Vorsorge hat immer auch mit sozialen Themen zu tun – dies wird beim WZ-Forum Vorgesorgt deutlich. In finanziellen Dingen offenbart sich beispielsweise ein signifikanter Unterschied der Möglichkeiten von Männern und Frauen. Weil sie im Schnitt weniger als Männer verdienen, haben Frauen später auch größere Lücken in der Altersvorsorge, merkt Petra Martens (Frowein & Partner) an. „Frauen werden durchschnittlich sieben bis acht Jahre älter als Männer“, ergänzt Professor Dr. Petra A. Thürmann (Helios/Universität Witten/Herdecke). Damit steige das Risiko, ins Pflege- oder Altersheim gehen zu müssen. Das Problem verschärfe sich in sozial schwachen Schichten.

Frauen brauchen individuelle Vorsorgeprodukte

„Gerade Frauen sollten sich daher gut beraten lassen“, empfiehlt Jens Böttger (Stadtsparkasse Wuppertal). Es gebe viele für ihre Situation passende Angebote. Allerdings verringere sich die Lohnlücke zusehends, stellt Dr. Andreas Kletzander (Jobcenter Wuppertal) fest. Dennoch brauchen Frauen nach seiner Einschätzung Vorsorgeprodukte, die ihrer Situation angemessen sind.

Auf einen besonderen Zusammenhang weist Rainer Keßler (Caritasverband) hin: Meist sind es Frauen, die Angehörige pflegen. Sie bilden somit den „größten ambulanten Pflegedienst“. Mit Konsequenzen für ihre eigene Vorsorgesituation: Während Pflegezeiten sind sie nicht oder weniger berufstätig, zahlen entsprechend weniger in Absicherungssysteme ein. Dafür vorgesehene Modelle wie die Pflege-Auszeit würden aber zu selten in Anspruch genommen. „Damit verschärft man die Altersarmut“, warnt Keßler und fordert hier Verbesserungen: „Wenn ich jemanden zu Hause versorge, muss ich bessere Möglichkeiten bekommen, dass diese Zeiten auf die Versorgung angerechnet werden.“

Welche Rolle könnte in diesem Zusammenhang eine Grundsicherung spielen? Eine Frage mit vielen Aspekten, wie die Diskussion zeigt. Kletzander erklärt das Grundverständnis der derzeitigen staatlichen Fürsorge so: „Eine Grundsicherung ist wichtig, aber die Menschen sollen ihre Vorsorge zunächst eigenverantwortlich regeln. Erst wenn sie damit an Grenzen stoßen, greifen die öffentlichen Schutzmechanismen.“ Von einem derzeit viel diskutierten Grundeinkommen hält der Arbeitsmarktexperte wenig, das sei ein „falsches Signal“. Statt dessen schlägt Kletzander vor, dass der Staat zum Beispiel fünf Prozent der Vorsorge-Sparbemühungen bei den Menschen finanziert, die sich das nicht leisten können.

Dr. Philipp Freiherr von Hoyenberg (Notar) wundert sich, dass die Zahl der vom Jobcenter Betreuten so hoch ist:

„Wir haben heute doch faktisch Vollbeschäftigung und sogar einen Fachkräftemangel, zudem ist das Gehaltsniveau deutlich angestiegen.“ Kletzander verweist hier wiederum auf die bereits erwähnte Spaltung in der Gesellschaft: Die Klienten der Jobcenter kommen in der Regel aus bildungsfernen Schichten, 70 Prozent von ihnen haben keine Berufsausbildung und stehen somit dem Arbeitsmarkt für Fachkräfte nicht zur Verfügung. Die Zahl der faktisch Arbeitslosen übersteige zudem die statistischen Werte, da in diesen nicht die Teilnehmer von Sprachkurs-, Coaching- und weiteren Maßnahmen enthalten seien, ebenso wenig Alleinerziehende oder Menschen, die 58 Jahre und älter sind.

Keßler erinnert an die früheren Ein-Euro-Jobs, die den Menschen die Möglichkeit gegeben hatten, eine „sinnstiftende und strukturierte Arbeit aufzunehmen“. Dazu müsse man auch heute die Menschen wieder motivieren. Bildung und qualifizierte Arbeit könnten dann folgen, „aber das braucht Geduld“.

Und wieder das Thema Bildung – es durchzieht die Diskussion wie ein roter Faden. Vermögensverwalter Thomas Buckard (Michael Pintarelli) hält es für ein „Armutszeugnis für ein Land wie Deutschland, dass wir so wenig in Bildung investieren.“ Bildung sei die Präventionsmaßnahme schlechthin.


Teilnehmerliste

Jens Böttger, Generationenmanagement Stadtsparkasse Wupppertal

Rainer Keßler, Referatsleiter Pflege Caritasverband Wuppertal/Solingen

Oliver Hartmann, Regionaldirektor AOK Wuppertal - Remscheid – Solingen

Prof. Dr. med. Petra Thürmann, Ärztliche Direktorin am Helios Universitätsklinikum Wuppertal, Mitglied im Sachverständigenrat des Bundesgesundheitsministeriums

Dr. Andreas Kletzander, Vorstand Jobcenter Wuppertal

Thomas Buckard, Vorstand Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen AG (MPF AG)

Petra Martens, Fachanwältin für Medizinrecht

Dr. Philipp Freiherr von Hoyenberg, Notar

Dr. Andreas Eurich, Vorstandsvorsitzender der Barmenia Versicherungen

Jochen Eichelmann, Verlagseiter WZ Wuppertal

Nicole Laus, WZ-Regionalverkaufsleitung

Moderation:
Lothar Leuschen,
stellvertretender WZ-Chefredakteur

José Macias, Geschäftsführer Rheinland Presse Service

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