31.8.2018

Handwerk in Wuppertal

Akademiker fürs Handwerk gewinnen

Kreishandwerksmeister Arnd Krüger schlägt vor, Bachelor-Absolventen als Führungskräfte für mittlere und größere Handwerksbetriebe einzustellen. Sie könnten helfen, die Branche fit für die Zukunft zu machen.

Absolventen der Betriebswirtschaft sollten vermehrt auch Führungspositionen in mittleren und größeren Handwerksbetrieben übernehmen, schläft Kreishandwerksmeister Arnd Krüger vor.
Absolventen der Betriebswirtschaft sollten vermehrt auch Führungspositionen in mittleren und größeren Handwerksbetrieben übernehmen, schläft Kreishandwerksmeister Arnd Krüger vor.
Die Situation des Wuppertaler Handwerks ist gut, fast schon zu gut. „Dieses Jahr ist die Auftragslage in den meisten Branchen ganz hervorragend“, berichtet Kreishandwerksmeister Arnd Krüger. Der aktuelle Boom im Bausektor auch in Wupptal sowie der Fachkräftemangel haben jedoch auch eine Schattenseite: Immer häufiger ergeben sich bei Aufträgen lange Wartezeiten. „Das kommt bei unseren Kunden natürlich nicht unbedingt gut an, was uns auch bewusst ist“, sagt Krüger. „Wenn wir nicht sofort kommen können, hat das aber nichts mit Arroganz zu tun. Wir wollen ja auch allen gerecht werden. Es sind uns aber die Hände gebunden, denn schließlich können wir nur mit den Kräften, sprich Mitarbeitern, arbeiten, die wir tatsächlich haben.“ Bei den Wuppertaler Handwerkern handele es sich in der Regel um kleine und mittelständische Betriebe. Und die könnten die aktuell große Nachfrage nicht allein schaffen.

Wenn dann der hundertste Anruf an einem Tag bei einem Betrieb eingehe, so Krüger, könne es schon mal auf beiden Seiten zu einem „patzigen Ton“ kommen. „Wir wollen aber auf keinen Fall, dass die Stimmung kippt.“

Grund für die Personal-Krise im Handwerk ist nach Meinung Krügers eine falsche politische Ausrichtung in den zurückliegenden Jahren. „Berufliche und akademische Ausbildung sollten eigentlich auf Augenhöhe sein. Da gibt es keinen Sieger und keinen Verlierer. Vielmehr sollte jeder junge Mensch nach seinen Neigungen und Fähigkeiten zum Einsatz kommen.“

Nach dem „Pisa-Schock“ vor rund zehn Jahren, der deutschen Schülern auf vielen Feldern im internationalen Vergleich einen Rückstand attestiert hatte, seien laut Krüger dann aber die Schwerpunkte von der Politik falsch gesetzt worden. „Plötzlich hatte man das Gefühl, Deutschland verblödet. Und als Folge hat man sich vor allem auf gute Uni-Abschlüsse fokussiert.“

Das Handwerk sei dabei in punkto Nachwuchsförderung ins Hintertreffen geraten. Und die Folgen würden nun spürbar. Seine Prognose: „Es wird an die zehn Jahre dauern, bis das wieder in einen Ausgleich gebracht werden kann.“

Dabei sei es vor allem wichtig, den jungen Leuten eines klar zu machen: „Wer heute ins Handwerk geht, hat vor Ort hervorragende Ausbildungsmöglichkeiten – und vor allem Arbeitsplatzsicherheit.“

Kreishandwerksmeister Arnd Krüger
Kreishandwerksmeister Arnd Krüger
Es gebe aber, so Krüger, einen interessanten Weg, eine akademische und eine handwerkliche Laufbahn zukunftsweisend zu kombinieren. „Unsere Betriebe könnten vielfach einen neuen Input gebrauchen. Manche Strukturen sind über die Generationen ja inzwischen etwas verkrustet. Unser Appell an junge Akademiker, aber auch Absolventen eines trialen oder dualen Studiums lautet daher: Bringt doch frischen Wind ins Handwerk!“ Die Idee dahinter ist, dass etwa Absolventen der Betriebswirtschaft Führungspositionen in mittleren und größeren Handwerksbetrieben übernehmen könnten, zum Beispiel zum Einstieg als Trainee on the Job. „Davon könnte das Handwerk enorm profitieren.“


Diese Idee hat in Wuppertal auch bereits Gestalt angenommen. Laut Krüger gibt es bei der Schumpeter-School of Business and Economics (Fakultät für Wirtschaftswissenschaft) der Bergischen Universität Überlegungen, gezielt frischgebackene Bachelor-Absolventen für eine Führungsposition im Handwerk zu gewinnen. „Wir werben ja auch bereits seit einiger Zeit um Studienabbrecher, die eine neue Perspektive suchen. Auf Anregung von Uni-Rektor Professor Lambert Koch könnten aber auch Studenten, die nach dem Bachelor nicht mehr planen, noch den Master zu machen, sondern neue Perspektiven suchen, für das Handwerk eine interessante Zielgruppe darstellen.“ In Zeiten des Um- Kreishandwerkerschaft bruchs könnten diese jungen Akademiker in Handwerksbetrieben wichtige Führungskompetenzen beisteuern: „Im Handwerk steht eine Zeitenwende an“, sagt Krüger. „So bringt die Digitalisierung enorme Umwälzungen mit sich. Und die Robotik hält in vielen Bereichen Einzug. Um das zu meistern und für die Zukunft gerüstet zu sein, brauchen wir die Ansicht von außen.“

Synergien zwischen Studium und Handwerk werden immer wichtiger, ist der Kreishandwerksmeister überzeugt. „Es gibt zunehmend viele Schnittstellen. Handwerker, haben ja auch, wenn sie sich weiterbilden, heutzutage die Chance, zu studieren. Das muss ein dauerhafter Austausch werden. In Ansätzen gibt es das ja auch schon, etwa bei den Veranstaltungen des Vereins der Freunde und Alumni der Bergischen Universität, an der neben führenden Wuppertaler Unternehmen auch das Handwerk beteiligt ist. Das ist ein erster Ansatz.“

Krüger: „Wir wollen den jungen Akademikern sagen: Schaut nicht nur auf die großen Konzerne. Auch im Handwerk bieten sich euch hervorragende Zukunftsperspektiven.“

INTEGRATION 

MIGRANTEN Eine weitere Chance, Nachwuchs für das Handwerk zu gewinnen, sieht Arnd Krüger in den Migranten, die nach Deutschland gekommen sind. Unabdingbar für eine Ausbildung und spätere Anstellung seien aber gute Sprachkenntnisse und die Bereitschaft, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Laut Krüger hat das Handwerk hier bereits eine große Integrationsleistung vollbracht: „Während die DAX-Unternehmen bundesweit vielleicht mal gerade um die 50 Migranten eingestellt haben, sind es im Handwerk schon 2450.“
Kreishandwerkschaft Salingen-Wuppertal

Schulbank trifft auf Werkbank

Die Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal wirbt seit Jahren gezielt und nachhaltig um Nachwuchs für ihre Branchen. Ein Projekt mit der Else-Lasker-Gesamtschule in Elberfeld ist sogar einzigartig in ganz Deutschland.

Wie kann man am besten Nachwuchskräfte regenerieren? Die Kreishandwerkerschaft Solingen- Wuppertal macht dies auf dem direkten Weg: In dem sie in die Schulen geht. Bereits seit einigen Jahren praktiziert die Handwerkervertretung diese Methode, wie Abteilungsleiter Sascha Bomann mitteilt.

Seit diesem Jahr gibt es ein neues Projekt: Unter dem Motto „Schulbank trifft Werkbank“ besuchen Handwerksmeister von acht unterschiedlichen Gewerken nacheinander Wuppertaler Schulen, um den Kindern dort von ihrem Beruf zu erzählen. „Was ist ein Maler?“ „Was macht ein Bäcker noch außer Brot zu backen?“ „Was sind genau die Aufgaben eines Kfz-Mechatronikers?“

Rund 20 Minuten erzählen die Handwerksmeister den jungen Leuten von ihrem Beruf, anschließend gibt es kleine Workshops, in denen sich spielerisch dem jeweiligen Handwerk angenähert wird. Unter anderem mit den Gesamtschulen Uellendahl-Katernberg und Barmen wurden diese Kooperationen bereits erfolgreich durchgeführt.

Junge Leute berichten Schülern von ihrer Ausbildung

Bei einem anderen Projekt, besuchen junge Azubis die Schulen und berichten dort von ihrem beruflichen Umfeld. Die Schüler können Fragen stellen, die in vorhergehenden Unterichtsstunden vorbereitet wurden. „Das kommt sehr gut an, weil hier junge Leute anderen jungen Leuten etwas über ihre Ausbildung berichten“, sagt Sascha Bomann. Besonders stolz ist man bei der Kreishandwerkerschaft auf die Kooperation mit der Klasse 8f der Else-Lasker-Gesamtschule unter dem Motto „Handwerk macht’s“. Die Klasse wird bereits seit Beginn, also ab der fünften Stufe an, von der Handwerkerschaft begleitet. „Wir wollen damit Werbung bei den jungen Leuten machen: Kommt zu uns ins Handwerk“, berichtet Sascha Bomann. „Das ist ein Pilotprojekt und in dieser Form einzigartig in Deutschland.“ Bis zur zehnten Klasse, also bis zur Mittleren Reife, wird es laufen: Handwerksmeister unterschiedlicher Gewerke besuchen regelmäßig die Klasse und berichten von ihrer Arbeit. Die Schüler bereiten dann das Gehörte in Projektarbeiten auf, wie etwa einem Plakat zum Thema Wasser.

Es stehen aber auch Exkursionen auf dem Programm. So ist der Obermeister der Sanitär- und Heizungs-Innung mit der Klasse nach Xanten ins Römermuseum gefahren. Thema des Tages war „Baden früher und heute.“ Bomann: „Das Projekt ist für die Handwerksmeister schon sehr zeitintensiv, aber wir sind sicher, dass es sich lohnen wird und einige Schüler nach ihrem Abschluss den Weg zu uns ins Handwerk finden werden.“

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